So muss Country Music heute klingen! Cahalen Morrison,
aufgewachsen in New Mexico, heute in Seattle zu Hause, hat schon im Duo mit Eli
West (es gibt drei Alben von Cahalen Morrison & Eli West: «The Holy Coming
of the Storm» [2010], «Our Lady of the Tall Trees» [2012] und «I’ll Swing My
Hammer With Both My Hands» [2014]) Oldtime-Country und Bluegrass gepflegt. Auch
sein erstes Album mit seiner Band Country Hammer klingt auf Anhieb altmodisch, oder besser gesagt: zeitlos. Und vor allem: wunderschön. Es gibt flotte
Uptempo-Songs und elegische Balladen, einfach betörend schön gespielt mit
perfekt eingesetzten Instrumenten, darunter auch Pedal-steel-Gitarre, Fiddle
und Akkordeon. Und die Songs, die Cahalen Morrison schreibt, haben teils
wahrlich literarische Qualität, wie es Songtitel wie «Sorrow Lines the Highway
of Regret» oder «I’ve Won Every Battle But I’ve Lost Every War» schon andeuten.
Das ist Real Country!
(self-released) *** Mickey & The Motorcars aus Austin, Texas sind fast pausenlos unterwegs – um die 200 Auftritte absolvieren sie schon seit längerem jedes Jahr. Das hört man ihnen an auf ihrem bereits siebten Album: Das Quintett mit den Brüdern Micky Braun (lead vocals, acoustic rhythm guitar) und Gary Braun (electric and acoustic rhythm guitar, lead and background vocals) sowie Dustin Schafer (electric and acoustic lead guitar, slide guitar), Joe Fladder (bass) und Bobby Paugh (drums, percussion) ist in allen Spielarten des Americana-Sounds versiert. Mal klingt es mehr nach Country, mal hört man eine Spur Cajun heraus, doch meistens ist es eingängiger Roots-Rock. Als Gastmusiker sind die weiteren Braun-Brüder, Willy (acoustic rhythm guitar, percussion, backing vocals) und Cody (fiddle, backing vocals), die mit der Band Reckless Kelly erfolgreich(er) sind, dabei, wobei Willy Braun auch als Produzent wirkte. Ausserdem dabei: Bukka Allen (hammond B3 organ, piano, accordion, wurlitzer piano), Brian Standafer (cello), Jon Dee Graham (lap steel) und Marty Muse (pedal steel guitar). Die vier Braun-Brüder stehen übrigens schon seit der Kindheit auf der Bühne, in ihrer ursprünglichen Heimat Idaho wirkten sie in der Country-Band ihres Vaters Muzzie Braun (Muzzie Braun & the Boys bzw. Muzzie Braun & the Little Braun Brothers) mit. Für «Hearts From Above» hat Micky Braun zusammen mit Ko-Autoren wie Jason Eady, Dustin Welch, Ted Russell Kamp (auf dem Album «Ted Russel Camp» genannt), Brian Keen und Bruder Willy Braun die meisten Songs geschrieben, zwei hat Gary Braun beigesteuert, einer ist ein Cover. An dem Album gibt es eigentlich fast nichts auszusetzen, es sind gute Songs, die gekonnt und abwechslungsreich eingespielt sind. Das Einzige was leider etwas fehlt, ist das unverwechselbar Eigene.
(Thunderbird Records) **** Brad Boyer kommt aus Houston, Texas, seine Songs erinnern aber eher an die grossen Singer/ Songwriter aus West Texas, und einer der wichtigen Exponenten aus dieser Ecke, Joe Ely, erweist ihm im ersten Track «Big Rig River» als Gastsänger die Ehre. Produziert hat das Album, es ist Boyers zweites nach «I Sat Down and Wrote You a Song» (2011), Lisa Morales (Sisters Morales), die auch Background-Gesang beiträgt. Eine Reihe versierter Musiker veredelt das Dutzend guter Songs, alle von Boyer selbst geschrieben (einige zusammen mit Ko-Autoren), darunter die Gitarristen Cindy Cashdollar, Jeff Plankenhorn, John Carroll, David Spencer und Scrappy Jud Newcomb, die Akkordeonisten Carlos Alvarez und Stefano Intelisano (der auch Piano und B3 spielt). Neben Lisa Morales tragen auch Tom Gillam, Brent Wilson und Noel McKay Background-Vocals bei. Stilistisch ist der junge Singer/Songwriter in Country ebenso versiert wie in Folk und Rock. Ein vielversprechender Singer/ Songwriter, ein tolles Album.
(Lemonade Records) **** Dies ist bereits das siebte Album von Shelley King, einer starken Singer/ Songwriterin aus Austin, Texas. Sie stammt aus Arkansas, wo sie in der Kirche singen lernte. Kein Wunder, klingt ihre kraftvolle Stimme noch heute oft ein bisschen nach Gospel. Ihr Americana-Sound wurzelt tief in Soul und Blues, riecht nach Muscle Shoals, Alabama, und nach New Orleans. Dafür sorgen auch die brillanten Musiker, die sie begleiten: die beiden Subdudes Steve Amedée (vocals, drums, percussion, mandolin) und John Magnie (vocals, accordion, organ, piano), die das Album gemeinsam mit Shelley King auch produziert haben, dazu aus Austin der Saitenvirtuose Marvin Dykhuis (vocals, acoustic and electric guitars, dobro, mandolin) und die versierte Bassistin Sarah Brown. Als Gastmusiker sind zudem auf einzelnen Tracks unter anderen Cindy Cashdollar (lap steel guitar), Warren Hood (violin) und Carolyn Wonderland (electric guitar) dabei. Shelley selbst spielt akustische Gitarre. Und singt zehn starke eigene Songs, ein Cover von Larry Campbell sowie den Traditional «I Know I've Been Changed».
Die Texanerin Robyn Ludwick kommt aus einem musikalischem
Umfeld: Ihre Brüder Charlie Robison (der mit Dixie Chick Emily verheiratet war)
und Bruce Robison (der mit der Sängerin Kelly Willis verheiratet ist) sind seit
20 Jahren als ausgezeichnete Singer/Songwriter bekannt; beide veröffentlichten
ihre Debüts 1996 und seither mehrere Alben. Bei Schwester Robyn, verheiratet mit dem
Bassisten John «Lunchmeat» Ludwick, dauerte es etwas länger, bis sie erstmals
ein Album veröffentlichte. Ihr eindrückliches Debüt «For So Long» erschien 2005,
es folgte 2008 «Desire» und 2011 das grossartige Werk «Out of These Blues». Ihr
viertes Album schliesst sich nahtlos an die Vorgänger an: starke Songs, Robyns
eindringliche, immer etwas brüchig klingende Stimme und sehr gute
Begleitmusiker. Neben John Ludwick am Bass und Rick Richards an den Drums
spielte Produzent Gurf Morlix alle anderen Instrumente selbst ein: guitars,
keyboards, banjo, pedal steel, percussion.
(Bruce Robison und Kelly Willis covern auf ihrem aktuellen Album «Our Year» übrigens den Song «Departing Louisiana» von Robyn Ludwick.)
Das Trio Puss n Boots besteht aus Sasha Dobson (vocals,
acoustic guitar, bass, drums), die vor allem als Jazz-Sängerin und
-Songschreiberin bekannt ist, Norah Jones (vocals, electric guitar, fiddle),
ja, die Norah Jones, und Catherine
Popper (vocals, bass acoustic guitar), die als Bassistin und Background- sängerin
für Ryan Adams & the Cardinals, Grace Potter and the Nocturnals, Joseph
Arthur, Jack White und andere tätig war bzw. ist. Das Trio entstand 2008 in Brooklyn, wo
Sasha Dobson und Norah Jones in kleinen Klubs zusammen auftraten, um in der
Praxis besser Gitarre spielen zu lernen. Dann kam Catherine Popper dazu, Puss n
Boots war geboren. Kleinere Lokale in und um New York blieben ihr Terrain. Bis
jetzt. Mit dem ersten Album «No Fools, No Fun» trat das Trio nun bereits in grösseren Sälen
und an Festivals, darunter im Juli am Newport Folk Festival, auf.
Das Originalalbum des Trios, das sich selbst als
Country-Band bezeichnet, umfasst zwölf Songs, darunter zwei von Sasha Dobson,
zwei von Catherine Popper und einer von Norah Jones. Die übrigen sind Covers
von Songs von Tom Paxton («Leaving London»), Rodney Crowell («Bull Rider»),
Roger Miller («Tarnished Angel»), Robbie Robertson («Twilight» von The Band),
Wilco («Jesus, Etc.»), Neil Young («Down By The River») und Jeb Loy Nichols
(«GTO»). Drei Songs sind live aufgenommen, die anderen im Studio. Im
Lead-Gesang wechseln sich die drei ab, dazu gibt es schöne Harmoniegesänge.
Insgesamt klingt alles sehr nett, die Live-Aufnahmen aus dem Bell House in Brooklyn sind dabei reizvoller als die
Studioaufnahmen. Aber viel mehr als nett ist das alles nicht.
Ausgerechnet das beste sind die zwei Bonus-Tracks auf der
exklusiv bei Amazon (und zwar bei amazon.com in den USA, nicht in Deutschland)
erhältlichen Deluxe-CD-Version: der Johnny-Cash-Klassiker «Cry, Cry, Cry» und die wirklich wunderschöne Liveaufnahme des 1930er-Hits «In A Shanty In Old Shanty Town».
Country-Rock, Honkytonk, Soul, Rock ’n’ Roll und andere Einflüsse von Bakersfield bis New Orleans mischt Moot Davis aus Trenton, New Jersey, zu einem höchst bekömmlichen Sound. «Goin’ In Hot» ist sein viertes Album, sein Songwriting ist im Lauf der Jahre und der Alben persönlicher und engagierter geworden. Dass er immer wieder ein bisschen an Dwight Yoakam, vor allem an dessen Anfangsjahre, erinnert, erstaunt nicht: Die beiden ersten Alben, 2004 und 2007 erschienen, hatte Pete Anderson, der langjährige Produzent und Gitarrist von Yoakam, produziert und massgebend mitgeprägt. Schliesslich trennte Davis sich von Anderson (wie es auch Yoakam tat) und zog für eine Zeitlang nach Neuseeland. Das Comeback-Album «Man About Town» (2012) realisierte er mit dem Produzenten und Gitarristen Kenny Vaughn aus Nashville – wie auch das aktuelle Album. Der vorzügliche Gitarrist Vaughn überlässt zwar die Lead-Gitarre meistens Bill Corvino, greift aber doch dann und wann auch selbst in die Saiten – und einmal gar zum Theremin.
Warum soll ein Musiker oder eine Band ein altes Album von
jemand anderem komplett neu einspielen? Es ist ja durchaus so, dass ich interessante
Cover-Versionen von Songs, die ich mag, sehr schätze. Vor allem, wenn Künstler
aus dem Americana-Bereich alte Rocknummern neu interpretieren, kommen oft gute
Sachen heraus, erwähnt seien etwa Led Zeppelins «Whole Lotta Love» in der starken
akustischen Version der Band Reckless Kelly oder die schöne Country-Folk-Version
der Okra All Stars des Prince-Hits «Purple Rain». Willy DeVilles betörende Mariachi-Version
von Jimi Hendrix’ «Hey Joe» und der Ramones-Titel «I Wanna Be Sedated» von den
Texas-Honkytonkern Two Tons of Steel gehören sogar zu meinen
Lieblings- aufnahmen. Aber ein ganzes Album? Shannon McNally wollte das mit dem
legendären, «selbstbetitelten» Debütalbum von Bobby Charles (1972) machen, aber
der Meister himself konnte sie davon überzeugen, dass es besser wäre, auch
einige spätere seiner Songs dazuzunehmen (was sie dann auch tat; des Resultat
«Small Town Talk» [2013] erlebte Bobby Charles dann leider nicht mehr).
Nun aber zum Album, um das es hier geht: Hollis Brown, eine
junge Roots-Rock-Band aus dem New Yorker Stadtteil Queens, hat als zweites
Album alle zehn Songs des letzten Velvet-Underground-Albums «Loaded» (1970)
aufgenommen. «Loaded» war in den 1970ern mein liebstes VU-Album; das mag
einerseits daran gelegen haben, dass ich bei den früheren Alben noch etwas (zu)
jung dafür war (ich war 16, als «Loaded» herauskam), anderseits mag ich es auch
beim Wiederhören noch am meisten – vielleicht weil da erstmals Andy Warhol
nicht mehr daran herum- gefummelt hat und es eigentlich eher das erste Album von
Lou Reed war, der alle zehn Songs geschrieben hatte. Hollis Brown haben diese Songs, die auf ihrem Album exakt in
der umgekehrten Reihenfolge angeordnet sind, an zwei Tagen im Dezember 2013
sehr schön und stimmungsvoll mit einem eigenen Ton eingespielt. Aber eben: der eine oder andere Song
hätte eigentlich genügt. Das ganze Album muss es wirklich nicht sein.