15.12.11

Playlist Herbst 2011


*****

Ry Cooder, Pull Up Some
Dust and Sit Down
(Nonsuch)
Der Meister in Hochform. Wieder mal eine «richtige» Ryland-Platte, die an seine Meisterwerke der 1970er Jahre erinnert. Stilistisch vielfältig – Roots Rock, Blues, Soul, Texmex, Folk … –, brillant gespielt – auch mit alten Gefährten wie Flaco Jimenez, Terry Evans, Willie Green und Jim Keltner – und mit engagierten bis zornigen Texten – in «If There’s a God» heisst es etwa:
Republicans changed the lock on heaven’s door
Keys to the kingdom don’t fit no more
The poor working man like me and you
If we ain’t got money we won’t get through


****½

John Hiatt, Dirty Jeans and Mudside Hymns (New West)
Schon letztes Jahr machte der gute alte John Hiatt mit «The Open Road» viel Freude. Sein neues Album ist nicht minder stark.





Lydia Loveless, Indestructible Machine (Bloodshot)
Die Entdeckung des Jahres: Lydia Loveless ist 21, kommt aus Columbus, Ohio, und schreibt ziemlich erwachsene Songs. Sie singt und spielt Country, Rockabilly, Bluegrass und Folk und mit scharfen Punk-Akzenten. Und als wichtigste Einflüsse nennt sie eine ziemlich schräge Mischung: Hank Sr, Hank III, Richard Hell, Charles Bukowski, Loretta Lynn, Britney Spears und ihre Familie. Apropos Familie: ihr Schlagzeuger Parker Chandler ist ihr Vater.


Laura Cantrell,
Kitty Wells Dresses: Songs of the Queen of Country Music
(Diesel Only)
Der Titel sagt eigentlich schon alles. Laura Cantrell, eine tolle Singer/Songwriterin, von der ich schon lange gerne wieder einmal Eigenes hören würde, ehrt Kitty Wells, indem sie neun der Songs, die diese gesungen hatte, interpretiert, darunter «I Don’t Claim To Be An Angel», «It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels» und «I Gave My Wedding Dress Away». Den Titelsong «Kitty Wells Dresses» schrieb Cantrell mit Amy Allison als «tribute to Kitty». Wunderschön!


Brigitte DeMeyer, Rose of Jericho (self-released)
Fünf Alben hat Singer/Songwriterin Brigitte DeMeyer seit 2001 veröffentlicht. Die letzten beiden sind mir untergekommen: «Something After All» (2006, ***½) fand ich ganz ansprechend, «Red River Flower» (2009, **½) weniger. Inzwischen ist sie zu einer starken Sängerin herangereift, deren Mix aus Folk, Blues, Country, Soul und Gospel ganz schön unter die Haut geht. Brigitte DeMeyer hat das Album wiederum mit Brady Blade zusammen produziert, der auch trommelt. Unter den Musikern finden sich zudem die Topgitarristen Mike Henderson und Will Kimbrough, Steelgitarrist Al Perkins, Fiddler und Mandolinist Sam Bush sowie die gospelnden McCrary Sisters.


****
 
Pieta Brown, Mercury
(Red House)

Eilen Jewell, Queen of the Minor Key (Signature Sounds)

Zwei meiner Lieblings-
Singer/Songwriterinnen,
beide schon mehr als
einmal in meinen
Jahres-Top-10.
Beide mit einem
schönen neuen Album. 








Larry Lange and his Lonely Knights,
Wiggle Room
(Steady Boy)
Das ist Austin, Texas, wie es lebt und musiziert. Larry Lange, als Bassist ein Veteran der dortigen Szene, liefert ein stimmungsvolles Rock-’n’-roll-, Blues-, Country-, Swamp-Rock-und-und-und-Album ab. Mit Unterstützung der Austin Cajun Aces, der Sängerin Joanna Ramirez, dem Sänger, Songwriter und Pianisten Tommy McLain, dem Akkordeonisten Bradley Williams und natürlich seinen Lonely Knights samt Bläser-Trio. Das Cover zitiert das schon viel zitierte Elvis-Cover.


Gillian Welch, The Harrow & the Harvest (Acony)
Gillian Welch und David Rawlings wie immer auf der eher düsteren Seite. Stark. Fürchterliche Cover Art.



Bob Walkenhorst, Spare (Bat)
Erst hat er mit seinen famosen Rainmakers wieder Furore gemacht, jetzt zeigt er, dass ers auch akustisch und ganz allein kann: Bob Walkenhorst rockt auch solo mit der Klampfe und am Piano ganz schön.




Slaid Cleaves, Sorrow & Smoke – Live at The Horseshoe Lounge
(Music Road; 2 CDs)
Der grossartige Singer/Songwriter Slaid Cleaves hat in der Horseshoe Lounge in Austin, Texas, live 18 seiner Songs eingespielt, darunter auch seine Hommage an das Lokal, «Horseshoe Lounge», und dazu zwei Titel des legendären Don Walser und einer von Karen Poston. Mit der Begleitung durch den Gitarristen Michael O’Connor und Oilver Steck mit Akkordeon, Mundharmonika und Trompete kommen die Songs perfekt und stimmungsvoll rüber.


Dave Alvin, Eleven Eleven (YepRoc)
Schönes, eher Roots-Rock-orientiertes Album. Ein Song mit den alten Kameraden von den Blasters inkl. Bruder Phil Alvin als Sänger. Nicht ganz so stark wie das «Guilty Women»-Album, aber fast.



***½ 
Jeff Bridges (Emi)
Der Schauspieler Jeff Bridges kann nicht nur singen, sondern auch Songs schreiben. Drei Titel hat er selbst geschrieben. Die Cover-Auswahl darf sich auch sehen lassen: zwei Songs des late great Stephen Bruton, einer von Greg Brown, einer von Bo Ramsey. Produced by – na wem schon – T Bone Burnett. Background-Stimmen von Rosanne Cash, Ryan Bingham und Frau Burnett aka Sam Phillips.


***
Guy Clark, Songs and Stories (Dualtone)
Nicht schlecht, aber etwas enttäuschend Guys Clarks Livealbum aus dem Belcourt Theatre in Nashville. Von den gerademal 13 Songs überlässt er auch noch zwei seinem Begleiter Verlon Thompson.



** 
Sunny Sweeny, Concrete (Republic Nashville)
2006 machte die junge, freche Texanerin mit ihrem selbst herausgegebenen Album «Heartbreaker’s Hall of Fame» (****) Freude. Auch mit ihrer Selbstironie:
I’m a gonna be the next big nothing / No one knows my name in Tennessee
Damit ist es vorbei. Man kennt jetzt ihren Namen in Nashville, Tennessee, wo sie inzwischen auf Mainstream getrimmt und in die Country Charts gebracht wurde. Statt eigenständig wie fünf Jahre früher klingt sie jetzt wie viele andere.

22.9.11

Playlist Sommer 2011


*****

Chip Taylor (with John Platania, Kendel Carson),
Rock and Roll Joe
(Train Wreck)

„A tribute to the unsung heroes of rock ’n‘ roll“ lautet der Untertitel von Chip Taylors aktuellem Werk. „This album is in honor of the unsung heroes of rock music. The history of rock is filled with Rock and Roll Joes who were instrumental in shaping the sound of today’s best music, yet their contributions are barely recognized“, heisst im Album, „The album is a tribute to the under appreciated session players, songwriters, producers, and behind the scenes people who helped shape the music we love.“ Ein gutes Dutzend Songs, teils wunderschön, sind diesem Thema gewidmet. Da wird zwar nicht laut gerockt, aber es rollt ganz schön.

Einen halben * extra gibts für die Website zum Projekt: Auf http://www.rockandrolljoe.com werden solche unsung heroes vorgestellt, und die Besucher der Seite können auch selbst Personen für diese virtuelle Hall of Fame vorschlagen. Vorgestellt werden da z.B. Steve Popovich, „a music executive and fan“, Session-Pianist Nicky Hopkins (The Kinks, The Rolling Stones), Gitarrist Cornell Dupree (B.B. King, Paul Simon, Aretha Franklin), Drummer Clyde Stubblefield (James Brown), Pianist Richard Bell (Janis Joplin), Pedalsteel-Gitarrist Sneaky Pete Kleinow (Flying Burrito Brothers, Joe Cocker, Joni Mitchell). Neben Chip Taylor schreiben da auch verschiedene andere Musiker, darunter etwa Robert Earl Keen (über den Songwriter John Vandiver) und Bill Frisell („My Influences and Teachers“). Ich hoffe, diese Website wird weitergeführt.


Sir Douglas Quintet, The Mono Singles ’68–’72 (Sundazed)

Dazu gibts eigentlich nicht viel zu sagen. Alle Singles von Doug Sahm und seinen Jungs von Ende 1960er bis Anfang 1970er Jahre auf Mercury und den Schwesterlabels Smash und Philips. 22 Tracks, nicht nur Hits wie „Mendocino“, „Dynamite Woman“ und „Nuevo Laredo“, sondern auch international weniger bekannte Titel und obskure B-Sides, auch solche, die nicht auf Alben erschienen sind.


****1/2

Greg Brown, Freak Flag (Yep Roc)

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das erste Mal ein Album von Greg Brown hörte. Ein französisches Label hatte „Dream Café“ (1992) vom amerikanischen Label Red House, das in Europa nicht vertrieben wurde, übernommen. Songs wie „Just By Myself“, „Nice When It Rains“ und „Laughing River“ sind mir bis heute im Ohr geblieben. Ich war auf Anhieb fasziniert von diesem Singer/Songwriter aus Iowa – und fand heraus, dass es schon acht frühere Alben von ihm gibt. Es dauerte, bis ich diese Platten auch hatte, denn das war noch in der Vor-Internet-Zeit. Seither hat er sicher ein Dutzend weitere Alben gemacht, darunter vorzügliche wie „The Poet Game“ (1984) und „The Eveninig Call“ (2006). Aber „Dream Café“ blieb für mich das beste. Bis jetzt. Mit 62 ist Greg Brown einmal mehr in Höchstform. Er klingt immer noch ein bisschen wie eine Mischung aus Leonard Cohen und Tom Waits. Doch hier gibts auch einen Song, „Where Are You Going When You’re Gone“, der tönt wie eine Hommage an Charlie Feathers, einen meiner Lieblings-Rock-’n‘Roller. Tatsächlich hat Brown das Album in den Ardent Studios, wo auch Feathers schon aufgenommen hat. Begleitet wird er unter anderem vom Gitarristen Bo Ramsey (der das Album auch produzierte), bei einem Song spielt Mark Knopfler Gitarre. Neben neun eigenen Songs gibt es zwei Covers: „Let The Mystery Be“ von seiner Frau Iris DeMent und „Remember The Sun“ von seiner Tochter Pieta Brown.


Robyn Ludwick, Out of These Blues (Late Show Records)

Grant Peeples, Okra and Ecclesiastes (Gatorbone)

Zwei ganz unterschiedliche Singer/Songwriter mit einer Gemeinsamkeit: beide Alben wurden von Gurf Morlix produziert und er spielt auf beiden massgebend mit.

• Robyn Ludwick, die Schwester der bekannten Singer/Songwriter Bruce Robison und Charlie Robison, hat 2005, schon über 30-jährig, ihre starkes Debüt „For So Long“ aufgenommen. Ihr drittes Album mit einem Dutzend starker Songs über Sehnsüchte, Abschiedsschmerz und gebrochene Herzen, geht unter die Haut. Das ist besser als das neue Album von Lucinda Williams! (Gurf Morlix ist übrigens der Produzent des besten Lucinda-Williams-Albums, „Lucinda Williams“, 1988: *****.) Neben Morlix an diversene Saiten- und Tasteninstrumenten sind der Organist und Pianist Ian McLagan (Small Faces), Fiddler Gene Elders, Ehemann John Ludwick am Bass sowie Trish Murphy und Slaid Cleaves mit Harmony Vocals mit von der Partie.

• Auch bei Grand Peeples, dem brillanten Songwriter aus Florida, spielt Produzent Morlix Saiteninstrumente und Keyboards, und dazu hat er den Akkordeonisten Radoslav Lorkovic mitgebracht. Peeples schreibt starke Songs über die Leben im Südosten. Der doch eher aussergewöhnliche Albumtitel kommt aus dem Song „My People Come From the Dirt“:

My people come from the dirt, full choke and steel guitar
Cigarettes and whiskey, and a dog chained in their yard
My people come from the dirt, white bread and kerosene
Catfish and flatbeds, sweat stains and retreads, okra and Ecclesiastes

Grant Peeples schreckt auch nicht zurück vor Songtiteln wie „High Fructose Corn Syrup“. In diesem Song heisst es:

My grip on tomorrow, it’s slipping away, while Darkness draws ever more near
There’s evil and danger ‘round every bend But I know I got nothing to fear

Cause there is High fructose corn syrup, Reality TeeVee
Taylor Swift and Burger King Jesus and cheap gasoline


****

Amber Digby & Midnight Flyer, Live at Swiss Alps Hall (Heart of Texas)

Gal Holiday and the Honky Tonk Revue,
Set Two
(self-released)

The Sweetback Sisters, Looking for a Fight
(Signature Sounds)

Dreimal beste Honky Tonk Music mit starken Frauenstimmen: aus Texas, aus Lousiana und – aus Brookyln, New York.

• Amber Digby beweist mit den 26 (!) Tracks, dass sie auch live eine fantastisch gute Sängerin ist. Als Special Guest ist Justin Trevino dabei. Die Swiss Alp Hall, wo das Album aufgenommen wurde, ist eine über hundert Jahre alte Dance Hall zwischen Schulenburg und La Grange in Texas; Schulenburg liegt etwa in der Mitte zwischen San Antonio und Houston.

• Gal Holiday and the Honky Tonk Revue, ein Sextett mit Leadsängerin Vanessa Niemann, kommen aus Louisiana und spielen 1A Honkytonk, Western Swing und Rockabilly: Klassiker, ein paar eigene Songs – und Bob Dylans „Don’t Think Twice“.

• The Sweetback Sisters sind ein Sextett aus New York City, aus Brooklyn, bei dem sich zwei Frauen, Zara Bode und Emily Miller, den Leadgesang teilen. Neben eigenen Songs gibts hier auch den Hazel-Dickens-Klassiker „Don’t Put Her Down, You Helped Put Her There“, „Rattled“ von den Traveling Wilburys und eine umwerfende Version von Dwight Yoakams „It Won’t Hurt When I Fall From This Barstool“. Macht Freude!


The Band of Heathens,
Top Hat Crown & Clapmaster’s Son
(BOH)

Nicht ganz so ohrwurmig für mich wie das letzte Album „One Foot in the Ether“, aber ein prima Album der Rootsband aus Autstin, Texas.


Danny Click, Life Is a Good Place (DogStar)

Seit seinem Debüt „Forty Miles“ (1998) habe ich nichts mehr von diesem Singer/Songwriter gehört. Schönes Album mit bluesigen und rockigen Akzenten.


Carolina Chocolate Drops, Heritage (DixieFrog; 2008)

Eine Sammlung früherer Aufnahmen dieses schwarzen Stringband-Roots-Trios; ist noch erdiger, „urchiger“ als das mit einem Grammy ausgezeichnete 2010er Album „Genuine Negro Jig“.


Steve Earle, I’ll Never Get Out of This World Alive
(New West)

Der grosse Singer/Songwriter unter den Fittichen von Produzent T Bone Burnett. Das macht den Sound etwas raffinierter. Uns sonst: the real Steve Earle. Cover Art wie immer vom genialen Künstler Tony Fitzpatrick aus Chicago.


Joe Ely, Satisfied at Last (Rack ’em)

Mit 65 klingt der Countryrock-Held aus Texas immer noch fast so gut wie zu seinen besten Zeiten in den 1980ern. Bewährte Mischung aus Handorgel-Balladen und erdigem Gitarren-Rock samt einer Prise Flamenco.


Los Fabulocos Featuring Kid Ramos, Dos
(Delta Groove Music)

Das zweite Album der Chicano-Akkordeon-Rock-’n‘-Roller aus Kalifornien macht wiederum viel Spass.

6.6.11

Playlist März/April/Mai 2011

****1/2
Zoe Muth and The Lost High Rollers,
Starlight Hotel
(Signature Sounds)
Ihr selbst herausgegebenes Debüt von 2009 (ist mir erst spät untergekommen, schaffte es dann aber in meine 2010 Top Ten) brachte Zoe Muth aus Seattle viel Lob. Und die Möglichkeit, ihre nächstes Album auf dem Label Signature Sounds herausbringen zu können. Und dieses, mit zehn eigenen Songs, ist noch besser! Wie schon beim Vorgänger erinnert Zoe Muth teils ein bisschen an Iris DeMent, teils an die frühe Emmylou Harris.

The Rainmakers, 25 On (Bat)
The Rainmakers aus Kansas City, Missouri zählten in den 1980ern zu meinen Lieblings-Rock‘n’roll-Bands (neben The Blasters, The Geogia Satellites usw.) , nicht nur wegen ihrem knackigen Hit „Let My People Go-Go“. 25 Jahre später hat Haupt-Songschreiber Bob Walkenhorst die Jungs wieder zusammengetrommelt und mit ihnen (ohne Steve Phillips) ein neues Rainmakers-Album eingespielt. Und das klingt so frisch und munter wie damals. Macht richtig Freude!
The Rainmakers,
The Good News And The Bad News
(Bat)
Das 1989er Album auf CD. Mit sieben akustischen Bonus-Tracks.



****
77 El Deora, The Crown & The Crow’s Confession (Western Independent Recording)
Noir-Country vom Feinsten: noch ein bisschen düsterer als „Sirens“ (#4 in meinen 2006 Top Ten) kommt das neue Album von Maurice Tani und Jennifer Courtney aus San Francisco daher. Das Paar teilt sich den Gesang, die Songs schreibt Tani. Einziges Cover auf diesem Album ist eine wunderschöne Interpretation von Bruce Springsteens „County Fair“. Dass sie jetzt auf dem Album-Cover statt nur mit dem Bandnamen als Maurice Tani/Jenn Courtney: 77 El Deora firmieren, scheint mir marketingtechnisch nicht sonderlich schlau.

Hayes Carll, KMAG YOYO (& other American stories)
(Lost Highway)
Mit seinem „Trouble In Mind“ führte der texanische Singer/Songwriter Hayes Carll meine 2008 Top Ten an, sein „She Left Me For Jesus“ war für mich der Country-Songs des Jahres. Mit seinem neuen Album ist er noch politischer geworden; manchmal wirkt es gegenüber die witzigen Lockerheit von früher fast ein wenig verbissen. Aber gut ist er immer noch. Der Titel „KMAG YOYO“, ausgesprochen etwa „Käimäg jojo“, übrigens ist US-Army-Slang und bedeutet „Kiss My Ass, Guys, You’re On Your Own“.

Drive-By Truckers, Go-Go Boots (ATO)
Ihr „Dirty South“ stand in meinen 2004 Top Ten, danach habe ich die Band um Songschreiber Patterson Hood etwas aus den Augen bzw. den Ohren verloren. Was wohl ein Fehler war. Ihr ziemlich rockiges neues Album ist sackstark. Tolle Songs, dreckige Gitarren, starker Gesang. Neben dem neuen eigenen Material gibts zwei Songs von Eddie Hinton (der war ein Freund von Hoods Vater, der ein Muscle-Shoals-Studiomusiker war).

Mike Ethan Messick, The Only Easy Day
Was Yesterday
(Mucho Bucho)
Honkytonk-Country mit teils rockigen Anklängen spielt der Singer/Songwriter Mike Ethan Messick aus Texas auf seinem zweiten Album. Gute Stimme, scharfe Gitarren, mehrere Songs mit Ohrwurm-Potenzial.

Those Darlins, Screws Get Loose (Oh Wow Dang)
Americana-Punk aus Nashville: das neue Album der drei rotzigen jungen Frauen (plus ein Mann) ist zwar nicht so überraschend wie das Debüt (#10 in meinen 2009 Top Ten), kommt aber auch ganz gut. Alles eigene Songs; dem Debüt gaben zwei Carter-Family-Covers besondere Würze.

Trampled Under Foot, Wrong Side Of The Blues (TUF/VizzTone)
Da hat eine Familie den Blues: Trampled Under Foot (TUF) ist ein Geschwister-Trio aus Kansas City, Missouri. Danielle Schnebelen (vocals, bass), Kris Schnebelen (vocals, drums) und Nick Schnebelen (vocals, guitar) sind mit dem Blues augewachsen; ihre Eltern spielten und spielen in lokalen Bluesbands in Kansas City. Als TUF 2008 erstmals bei der International Blues Challenge in Memphis auftraten, wurde Nick als bester Gitarrist mit dem Albert King Award ausgezeichnet. Dass er ein vorzüglicher Gitarrist ist, zeigt das Album, das sie mit eigenen Songs plus zwei von Papa Bob Schnebelen bestreiten. Und die drei haben ganz starke Gesangsstimmen. Beeindruckend.

Renée Wahl, Cumberland Moonshine (self-released)
Sehr schönes Debüt dieser Country-Sängerin und -Songschreiberin. Wahl stammt aus Philadelphia, war eine zeitlang bei der US Air Force, bevor sie sich als Musikerin in Nashville niederliess. Ihr Country-Sound ist gewürzt mit Blues, Rockabilly und Folk. Für ihr Debüt konnte sie ein paar Topmusiker wie die Gitarristen Kenny Vaughn (Emmylou Harris, Lucinda Williams, Solomon Burke, Hayes Carll) und Pat Bergeson (Lyle Lovett, Emmylou Harris, Chet Atkins), Bassist Charlie Chadwick (Steve Earle, Pam Tillis, Lee Ann Womack), Drummer Bryan Owings (Buddy Miller, Shelby Lynne, Colin Linden) und Saitenvirtuose Fats Kaplin (Mandoline, Pedal-Steel; Nanci Griffith, Mark Knopfler, Waylon Jennings) gewinnen.

Lucinda Williams, Blessed (2 CD Deluxe Edition)
(Lost Highway)

Das beste Album von Lucinda Williams seit „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998). Die Deluxe-Edition enthält eine zweite CD mit „Kitchen Tapes“: Alle zwölf Songs des eigentlichen Albums in gleicher Reihenfolge, aufgenommen solo mit der Klampfe zu Hause am Küchentisch. Mehr als ein Song gefällt mir in dieser Version besser; wie immer mal wieder bei Frau Williams wurde am einen oder anderen Song fast etwas zu viel gemacht. Sie hat auch wieder mal drei Produzenten gebraucht (verbraucht?): Don Was, Eric Liljestrand, Thomas Overby. Unter den Musikern Greg Leisz, Rami Jaffee, DJ Bonebrake und bei drei Stücken als Gitarrist Elvis Costello.

Blaze Foley, Duct Tape Messiah – Soundtrack from
the Documentary Film (Lost Art)
Gurf Morlix, Blaze Foley’s 113th Wet Dream (Rootball)
Viele Jahre hat Filmemacher Kevin Triplett an seinem Film über Michael David Fuller, besser bekannt als Blaze Foley (1949–1989), gearbeitet. Die Film-Soundtrack-CD enthält ein paar bisher unbekannte Tracks des Schöpfers von Songs wie „If I Could Only Fly“, „Election Day“ und „Clay Pigeons“, darunter eine Aufnahme zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder.
Triplett tourt nun mit seinem Film, und die Vorführungen werden ergänzt durch ein Konzert, bei dem der Musiker und Produzent Gurf Morlix, ein alter Weggefährte Foleys, Songs von Foley spielt. Dazu hat er auch eine CD mit 15 Foley-Titeln aufgenommen, darunter „Clay Pigeons“, „If I Could Only Fly“, „Oh Darlin’“, „Picture Cards“, „Small Town Hero“ und „Cold Cold World“.


***1/2
Exene Cervenka, The Excitement Of Maybe (Blodshoot)
Neues Album der Sängerin der legendären L.A.-Punk-Band X mit eigenen Songs. Mit Unterstützung von Dave Alvin als Gitarrist.

Cowboy Junkies, Demong – The Nomad Series Volume 2 (Razor & Tie)
Eine Hommage an den Singer/Songwriter Vic Chesnutt (1964–2009) mit elf seiner Songs.


Carrie Elkin, Call It My Garden (Red House)
Neo-Folk aus Texas. Gute Songs, schön gemacht.

Rachel Harrington, Celilo Falls (Skinny Dennis)
«Country-Soul» nennt Rachel Harrington aus Oregon ihren Stil selbst. Ihre Geschichten aus dem amerikanischen Hinterland zeigen musikalisch auch Einflüsse von Folk und Bluegrass. Mit Ronnie McCoury (Del McCoury Band; mandolin) und Rod Clement (Lindisfarne; slide guitar).

Bob Livingston, Gypsy Alibi
(New Wilderness)
Er gehörte zur legendären Lost Gonzo Band und zur Band von Jerry Jeff Walker. Auf dem neuen Album mit eigenen Songs wird der Veteran aus Texas von Kollegen wie Lloyd Maines, Bradley Kopp, Glen Fukunaga, Dave Sanger, Riley Osbourn, Chris Gage, Richard Bowden und Bukka Allen unterstützt – die Leadgitarre beim „Middle Ages Rockabilly Blues“ spielt Bill Kirchen. Umwerfend ist der Bonus-Track: Auf der Live-Aufnahme von 1991 in Bangladesh spielt Livingston zusammen mit einem Tabla-Spieler „Not Fade Away“ von Buddy Holly.

Los Lonely Boys, Rockapango (Deluxe Edition)
(Playing In Traffic)
Das Debüt der drei Garza-Brüder aus San Antonio schaffte es in meine 2003 Top Ten. Sie entwickeln sich fast ein bisschen zu den Santana des neue Jahrtausends mit ihrem Gitarrerock, der schon mal Latin-Percucssion durchsetzt ist. Am besten gefällt mir der auf der Deluxe Edition (drei Bonus-Tracks und vier Videos) als dritter Bonus-Track angefügte mehr als 20 Minuten lange Zusammenschnitt von Outtakes. Das wird gerockt und gebluest, dass es eine Freude ist.

Steve Martin and The Steep Canyon Rangers, Rare Bird Alert (Rounder)
Zweites Bluegrass-Album des bekannten Komikers, Schauspielers, Autors, Filmproduzenten – und eben Musikers, der aus Waco, Texas stammt. Als Gäste bei je einem Song sind die Dixie Chicks und Paul McCartney dabei. Sehr hübsch gemachter CD-Umschlag. Jeder Musiker wird auf einer „Trading Card“ witzig vorgestellt. Bei Paul McCartney fällt das kurz aus: „Newcomer. We wish him well.“

Buddy Miller, The Majestic Silver Strings (New West)
Rendez-vous der Saitenvirtuosen: Buddy Miller mit Bill Frisell, Marc Ribot und Greg Leisz sowie Jay Bellerose (drums) und Dennis Crouch (bass).

Dan Montgomery, You’ll Never Ba A Bird
(Fantastic Yes)

Interessanter Singer/Songwriter aus Memphis. Vorzügliche Gitarrenarbeit von Robert Maché (spielte auch auf Nancy Apples „Shine“, #2 bei meinen 2010 Top Ten).

Lisa Morales, Beautiful Mistake (Zaino)
Solo der Hälfte der Sisters Morales. Hauptthema ist der Tod ihrer Mutter.

New York Dolls, Dancing Backward In High Heels (429)
Die Glamrock-Legenden wollen es noch einmal wissen: David Johansen und Sylvain Sylvain haben sind wieder einmal in die Highheels geschlüpft und haben die Gitarren umgeschnallt. Trash der abgeklärten Art.

Gene Taylor with CC Jerome’s Jet Setters,
Let Me Ride In Your Automobile
(El Toro)

Der frühere Pianist der Blasters spielt mit einer holländischen Band auf einem spanischen Label mehrheitlich selbst geschriebenen Piano-Rock‘n’roll.


***
Bianca De Leon, Love, Guns & Money (self-released)
Die Texanerin Bianca De Leon schreibt gute Songs, als Sängerin überzeugt sie nicht immer ganz. Auf dem neuen Album covert sie Townes Van Zandts „Nothin“ und Hank Williams’ „Ramblin Man“. Live im Studio aufgenommen mit Musikern wie John Inmon (guitars), Radoslav Lorkovic (piano, organ, accordion) und Paul Pearcy (drums).











2.3.11

Playlist Januar/Februar 2011

****1/2

Stacie Collins, Sometimes Ya Gotta …
(REV Records)

Da geht die Post ab. Saftige Gitarren und knackige Rhythmen prägen das drittte Album von Stacie Collins aus Nashville. Ihr Hardcore-Honytonk und Rock ’n’ Roll klingt fast wie weiland die Georgia Satellites, nur mit weiblicher Gesangsstimme. Kein Wunder: produziert hat das Album (wie schon das zweite von Stacie) Satellite Dan Baird, der auch selbst mitspielt. Zudem dabei: Gitarrist Warner E. Hodges (Jason & The Scorchers).



****

Abigail Washburn, City of Refuge
(Foreign Children)

Wiederum vielseitig und immer wieder überraschend ist das dritte Album von Abigail Washburn. Die Banjo-Virtuosin mit der brüchigen Stimme schlägt den Bogen weit von Folk und einem Hauch Bluegrass und Blues zu chinesischen Klängen und zu jazzigen Elementen. Unter den zahlreichen Mitmusikern sind auch grosse Nummern wie Gitarrist Bill Frisell und Bassist Viktor Krauss – und Fiddlerin Rayna Gellert, mit der Abigail bei Uncle Earl zusammen musiziert.


Shannon McNally, Western Ballad
(self-released)

Ihr letztes Album „Coldwater“ hat die talentierte Singer/Songwriterin, die 1973 auf Long Island bei New York geboren wurde, in Memphis mit Jim Dickinson (der inzwischen verstorben ist) eingespielt. „Western Ballad“ entstand in New Orleans und Los Angeles. Die zehn eigenen neuen Songs, dazu das Titelstück von Beat-Poet Allan Ginsberg, wurzeln in Rock und Country, sind aber mit vielfältigen Einflüssen von Pop bis Cajun gedüngt. Ein Stück mit einem Hauch Cajun hat sich Shannon sogar ins Französische übersetzen lassen: „Tristesse oubliée“.


Rachel Timberlake (self-released)

Aus Indiana stammt Rachel Timberlake, die ihr Debüt in Nashville aufgenommen hat. Dieses geht ähnlich rockig ab wie das neue Album von Stacie Collins (siehe oben), wartet dann aber auch mit gängigeren Countryklängen auf. Und den zweiten Track „Girls Are the New Boys“ gibts am Schluss ein zweites Mal mit urbaneren Untertönen als „Gurlz R tha Nu BoyZ“. Ein Talent, das man im Auge behalten muss.


Hot Club of Cowtown,
What Makes Bob Holler
(Proper American)

Das Trio um Fiddle-Virtuosin Elana James (früher: Elana Fremerman; tourte schon mit Bob Dylan) spielt den Western Swing auf eine wunderschön schlichte, aber elegante Art, die mir von Anfang an sehr gut gefallen hat. Ihr siebtes Album ist ein Tribut an Bob Wills and His Texas Playboys, den sie als „foremost influence and inspiration“ bezeichnen. Es sind Titel, die sie live schon immer gespielt haben und jetzt in einer Tourneepause in London in drei Tagen aufgenommen haben, darunter etwa „Time Changes Everything“, „Maiden’s Prayer“, „Big Ball in Cowtown“ (!), „Keeper of My Heart“, „Faded Love“ und „Stay a Little Longer“.


John Prine, In Person & On Stage (Oh Boy)

Der grosse Singer/Songwriter mit 14 live aufgenommen Titeln, bis auf „Bear Creek Blues“ von der Carter Family alles eigene Songs. Darunter „In Spite of Ourselves“ und „Undwed Fathers“ im Duett im Iris DeMent, „Angel from Mongomery“ mit Emmylou Harris. Sehr schön.


Augie Meyers, Trippin Out On Triplets
(El Sendero)

Good ol’ Augie, der Mann an der Orgel im legendären Sir Douglas Quintet, ist inzwischen 70 geworden, aber immer noch aktiv. Entspannt und abgeklärt wie seine letzten Alben klingt auch das neue, das dem bläserlastigen „West Side Sound“ seiner Heimatstadt San Antonio, Texas, gewidmet ist. Mit dabei alte Hasen, die auch bei „Sir“ Doug Sahm Stammplätze hatten wie Saxophonist Rocky Morales, Trompeter Al Gomez und Bassist Jack Barber. Zwölf eigene Songs, darunter Klassiker wie „Sittin’ Up At Night“, „Crazy Crazy Baby“ und „I Cried a Tear“.


Carolina Chocolate Drops,
Genuine Negro Jig
(Nonesuch)

Dieses Album ist mir entgangen, als es letztes Jahr erschienen war; inzwischen ist es schon mit einem Grammy (Best Traditional Folk Album) ausgezeichnet worden. Das schwarze Trio, ein Frau und zwei Männer, spielt mit Banjo und Fiddle als Hauptinstrumenten vorwiegend String Music aus den 1920ern und 1930ern. Und dies eher pur und rau. Sehr schön.



***1/2

Elvis Costello, National Ransom (Hear Music)

Auch Elvis Costellos neues Album ist mir letztes Jahr irgendwie zwischendurch gefallen. Als es dann Ende Jahr in manchen Jahresbestenlisten auftauchte, hab ich es mir noch beschafft. Es ist produziert von Kumpel T Bone Burnett, aufgenommen in Nashville mit einigen der dortigen Top-Cracks wie Steelgitarrist Jerry Douglas, Fiddler Stuart Duncan, Gitarrist Buddy Miller sowie den (Background-)Sängern Vince Gill und Jim Lauderdale, dazu Gitarrist Marc Ribot und Pianolegende Leon Russell. Ein schönes Album, durchaus, aber ein neues „King of America“ (1986; *****) ist es dann doch nicht.


Wanda Jackson, The Party Ain’t Over (Nonesuch)

Auch so ein viel gerühmtes Teil. Und das von Jack White produzierte Album der 73-jährigen Rock ’n’ Roll-Legende Wanda Jackson ist wirklich ganz hübsch herausgekommen. Ich ziehe ihre frühen Aufnahmen aber ganz klar vor.



***

Gregg Allman, Low Country Blues (Rounder)

Die Allman Brothers Band gehörte zum Soundtrack meiner jugendlichen Hippiejahre. Nach dem frühen Tod von Duane Allman war die beste Zeit der Band allerdings schon vorbei. Jetzt hat der überlebende Bruder Gregg ein Album mit altem Country Blues eingespielt. Das ist ganz hübsch – dafür bieten Produzent T Bone Burnett und Musiker wie Gitarrist Doyle Bramhall II und Pianist Mac Rebennack [aka Dr. John] Gewähr – aber insgesamt doch etwas wenig auf- und anregend.

28.12.10

Best of 2010

2010 Top 10

Wie immer: radikal subjektiv, ohne Anspruch auf so etwas wie Objektivität oder Gerechtigkeit oder was auch immer.

1. Elizabeth Cook, Welder

2. Nancy Apple, Shine

3. Jason & The Scorchers,
Halcyon Times

4. Carrie Rodriguez,
Love and Circumstance

5. The SteelDrivers, Reckless

6. Catherine Britt

7. BoDeans, Mr. Sad Clown

8. Yvette Landry,
Should Have Known

9. The Lil’ Band O’ Gold,
The Promised Land – A Swamp
Pop Journey

10. Zoe Muth and The Lost
High Rollers



ausserdem auf der Top-10-Auswahlliste 2010 (alphabtische Reihenfolge):

•
Bonsoir Catin, Vive L’Amour

• Martí Brom, Not For Nothin’

• Pieta Brown, One And All

• Bobby Charles, Timeless

• John Hiatt, The Open Road

• David Hidalgo & Louie Pérez, The Long Goodbye

• Shelley King, Welcome Home

• Bill Kirchen, Word To The Wise

• Los Lobos, Tin Can Trust

• Miss Leslie, Wrong Is What I Do Best

• Ann Savoy & Her Sleepless Knights,
Black Coffee

• Texas Tornados, ¡Esta Bueno!

• Kevin Welch, A Patch of Blue Sky


Re-issues, Compilations

1. Charlie Feathers, Can’t Hardly Stand It! –
The Complete 50s Recordings

2. Sonny Landreth, Mississippi Blues
(The Crazy Cajun Recordings)

3. V. A., All We Wanna Do Is Rock (Bear Family
Records 35th Anniversary Sampler)

23.12.10

Playlist November/Dezember 2010

****1/2
Yvette Landry, Should Have Known (self-released)
Sie musiziert mit der Cajun-Combo Bonsoir Catin (bass, voc; siehe weiter unten) und mit den Lafayette Rhythm Devils (accordion, bass). Jetzt hat Yvette Landry aus Breaux Bridge, Louisiana, dazu auch noch ihr erstes Soloalbum veröffentlicht, und da spielt sie akustische Gitarre. Es ist keine Cajun-Platte, sondern ein waschechtes Countryalbum, kräftig gewürzt mit Blues, Rock ’n’ Roll, Bluegrass und auch ein bisschen Cajun, mit 16 eigenen Songs über gebrochene Herzen, lange Nächte in Bars und die Suche nach der Wahrheit auf dem Boden der Flasche. Ganz tolle Fiddle (Betse Ellis) und schöne Steel-Gitarre (Richard Comeaux). Für mich eine der – wenigen – Entdeckungen des Jahres.

****
Bonsoir Catin, Vive l’Amour (Valcour)
Tradtionelle und neuere Cajun-Songs, tradtionsbewusst aber nicht altmodisch interpretiert. Vier Frauen wechseln sich im Lead-Gesang ab: Christine Balfa-Powell (guitar), die Tochter von Cajun-Legende Dewey Balfa (The Balfa Brothers) und bekannt mit ihrer Band Balfa Toujours, Yvette Landry (bass; siehe oben), Anya Burgess (fiddle), die auch bei den Magnolia Sisters spielt, und Kristi Guillory (accordion), die mit Yvette Landry auch bei den Lafayette Rhythm Devils aktiv ist. Wunderschön melancholisch.

Martí Brom, Not For Nothin’
(Goofin/Ripsaw)
Einmal mehr 1A-Rockabilly und Honkytonk der tollen Sängerin aus
St. Louis, Missouri, die über Südlouisiana und Austin, Texas, in den Nordosten der USA gezogen ist. Gitarrenlegende Bill Kirchen spielt auf zwei Tracks mit.

Whitey Morgan and The 78’s
(Bloodshot)
Country mit einer rockigen Note im Stil der 1970er und 1980er, der an Legenden wie Waylon Jenning und Bobby Bare erinnert, spielt diese Band aus Michigan. Vorwiegend eigene Songs. Und eine starke Version von Johnny Paychecks „Meanest Jukebox In Town“. Der Soundtrack für lange Nächte in lauten Bars.

Toni Price, Cherry Sunday Orchestra (self-released)
Die stilsichere Singer/Sonwriterin aus Austin, Texas, swingt elegant auf diesem Album mit lauter Coverversionen – manche von Anfang des letzten Jahrhunderts, etwa von Trixie Smith, Ida Cox und Camille Howard, andere neueren Datums etwa von Walter Hyatt und Gwil Owen.

***1/2
Count Gabba, Country Noir (Goldon)
Es ist lange her, seit ich hier mal eine Schweizer Produktion empfohlen habe, sehr lange. Das liegt auch daran, dass ich die hiesige Szene kaum verfolge. Durch einen Zufall gelangte nun aber das neue Album des Innerschweizers Count Gabba (ex Meyer) in meinen CD-Player. Und, hey, das ist ja gar nicht schlecht! Für einen alten Hillbilly wie mich vielleicht manchmal etwas zu angestrengt alternativ, aber insgesamt ganz gut. Der Albumtitel ist Programm: Gabba ist eher auf der düsteren, melancholischen Seite zu Hause.

The Fabulous Ginn Sisters, You Can’t Take
A Bad Girl Home
(Lonesome Day)
Die Schwestern Tiffani und Brit Ginn aus Texas spielen erdigen Americana-Rock mit Anleihen aus Folk und Country. Produziert von Singer/Songwriter Fred Eaglesmith.

Raul Malo, Sinners & Saints
(Fantasy)
Der ehemalige Frontmann der Mavericks aus Florida war in den letzten Jahren drauf und dran, sich als Nachfolger eines Roy Orbison zu profilieren. Auf dem neuen Album wendet er sich jetzt dem TexMex-Sound zu. Dafür holte er sich Unterstützung aus Texas, etwa von Augie Meyers (organ), Ernie Durawa (drums) und Bobby Flores (pedal steel).

Les Sampou, Lonesomeville
(self-released)
Die Sängerin/Songschreiberin/Gitarristin aus Boston gibt auch ihrem fünften Album einen kräftigen Bluesrock-Touch.

The Secret Sisters (Universal Republic)
Wenn T Bone Burnett irgendwo die Finger drin hat, kann man sich darauf verlassen, dass es Stil und Qualität hat. Manchmal ist es auch etwas fromm. So auch bei den Secret Sisters Laura und Lydia Rogers: Zwei wunderschöne Stimmen singen Klassiker von Hank Williams, Buck Owens und anderen sowie den einen oder anderen eigenen Song. Und eine hübsche Version von „Something Stupid“.

Bruce Springsteen, The Promise
(Columbia)
Diese Sammlung von 21 „überzähligen“ Tracks von den Sessions, die zum Album „Darkness In The Edge Of Town“ (1978) führten, zeigt, wie stringent dieser Klassiker konzipiert war. Hier gibt es nicht nur sehr schöne Songs erstmals zu hören, sondern auch Hits, die er anderen überlassen hatte („Because The Night“: Patti Smith; „Fire“: The Pointer Sisters) in seinen eigenen ursprünglichen Fassungen. Für Fans ein Muss.

***
Elizabeth McQueen The Laziest Girl In Town (Freedom)
Früher empfand ich ihren Chefsekretärinnen-Look immer als witzigen Kontrast zu ihrer frechen Musik. Auf dem neuen Album der Singer/Songwriterin aus Austin, Texas, passt ihr Styling plötzlich zur Musik. Verändert hat sich aber nicht das Styling. Sie versucht sich – mit eigenen Songs und dem Titelstück von Cole Porter – an swingenden Klängen. Nicht so überzeugend wie Toni Price (siehe oben).

Kimmie Rhodes, Miracles On Christmas Day
(Sunbird)
Von Künstlern, die ich toll finde, kaufe ich – als bekenennder Weihnachtsmuffel – sogar ein Weihnachtsalbum. Ein Album von Kimmie Rhodes („Angels Get The Blues“, 1989) stand lange auf meiner Einsame-Insel-Liste. Ihr Weihnachtsalbum ist nett.

Stan Ridgway, Neon Mirage
(A440)
Ein Fossil taucht wieder auf: Stan Ridgway, der als Frontmann von Wall of Voodoo bekannt geworden war. Er tönt immer noch wie auf seiner Solo-Hit-Single „Camouflage“ (1986).

Darden Smith, Marathon
(self-released)
Auf seinem Debüt 1986 sangen Lyle Lovett und Nanci Griffith Harmonien. Ende der 1980er Jahre begeisterte er am Singer/Songwriter-Festival Frutigen mit seinem „accoustic rock ’n’ roll“. Sein neustes, ungefähr zwölftes Album ist etwas düster und wenig zugänglich ausgefallen.

5.11.10

Playlist September/Oktober 2010

****1/2
The SteelDrivers, Reckless (Rounder)
Bluegrass ist ja nicht sooo mein Ding. Alben langweiligen mich meist etwa vom dritten Track an. Es gibt Ausnahmen. Dazu gehören The SteelDrivers, die Band um Chris Stapleton und Mike Henderson, deren Musik ich fast als Bluesgrass bezeichnen würde. Das klingt zuweilen ziemlich rau und düster.
Mike Henderson, übrigens einer meiner Lieblingsgitarristen, der hier aber vor allem Mandoline spielt, spielt mit seiner anderen Band, den Bluebloods, rockigen Blues. Aufgefallen ist mit Henderson übrigens zum ersten Mal als Gitarrist von Kevin Welch (siehe weiter unten) am Singer/Songwriter-Festival Frutigen.

Zoe Muth and The Lost High Rollers
(self-released)
Die Entdeckung des Jahres bis jetzt für mich: Zoe Muth ist zwar in Seattle daheim, aber sie hats mehr mit Honkyonk als mit Grunge. Sie klingt teils etwas wie Iris DeMent, einzelne Uptempo-Songs erinnern an die junge Emmylou Harris.

****
Sarah Borges and The Broken Singles,
Live Singles
(self-released)
Da geht aber etwas ab, wenn Sarah Borges mit ihrer Band ein Heimspiel hat! Rock, Blues, Country und ein bisschen Folk mit viel Power und Spielfreude, die das Publikum ansteckt. Live aufgenommen am 1. und 2. Januar 2010 in der Lizard Lounge in Cambridge, Massachussetts.

Kevin Welch, A Patch of Blue Sky (Music Road)
Jim Lauderdale, Patchwork River (Songs by
Robert Hunter and Jim Lauderdale)
(Thirty Tigers)
Vor rund 20 Jahren versuchten Musikerkreise, für einen Teil dessen, was heute unter Americana eingeorndet wird, die – sehr schöne, finde ich – Genrebezeichnet Western Beat zu etablieren. Dazu gehörten auch die beiden begnadeten Songschreiber Kevin Welch und Jim Lauderdale; Welch betitelte dann sogar sein zweites Album (1991) so.
Von Kevin Welch hat man seit Jahren nichts mehr gehört. Schade, denn sein neues Album ist schlicht wunderschön.
Jim Lauderdale hat sich seit ein paar Jahren vor allem mit Bluegrass auseinandergesetzt. Sein neues Album ist wieder ein richtiges Singer/Songwriter-Stück, für das er alle Songs zusammen mit Robert Hunter, der vor allem als Songschreiber für Grateful Dead bekannt geworden ist.

Justin Townes Earle, Harlem River Blues
(Bloodshot)
Sehr schön das dritte Album von Justin Townes Earle. Manchmal klingt sein Gesang etwas wie der von Steve Earle in den Anfängen. Auch sonst scheint Justin Townes ganz nach dem Vater zu kommen:
Er habe sich letzthin selbst in eine Entzugsklinik eingewiesen, hörte ich neulich.


***1/2
Ryan Bingham & The Dead Horses,
Junky Star
(Lost Highway)
Sehr düster, um nicht zu sagen depressiv, klingt das neue Album von Ryan Bingham. Nachdem er mit T Bone Burnett am Filmsoundtrack von „Crazy Heart“ gearbeitet hatte (und für den Song „The Weary Kind“ mit dem Oscar ausgzeichnet wurd), hat Burnett nun sein neues Album produziert.

Terri Hendrix, Cry Till You Laugh (Wilory)
Ungefähr das zwölfte Album der Singer/Songwriterin aus Südtexas. Wie immer produced by Lloyd Maines.

D.L. Menard, Happy Go Lucky (Swallow)
78 ist Cajun-Legende D.L. Menard inzwischen, aber hey, er hats immer noch drauf. Ein Dutzend Songs, alle im Lauf der Jahre selbst geschrieben, hat er neu eingspielt mit tollen Musikern, darunter auch der Gitarrist Sonny Landreth und der Akkordeonist Ray Abshire.

Cory Morrow, Brand New Me (Thirty Tigers)
Noch ein Singer/Songwriter aus Texas, produced by Lloyd Maines.

Leslie Stevens and The Badgers,
Roomful of Smoke
(self-released)
Eine neue Stimme aus Kalifornien. Ein schöner Mix aus Country, Folk, Blues.

The Lucky Tomblin Band,
Honky Tonk Merry Go Round
(Texas World Records)
Honyktonk auf die sehr entspannte Art. Eine Reihe von Veteranen aus der Musikszene von Austin, Texas bilden diese Band, in der sie sich im Lead-Gesang abwechseln: neben Lucky Tomblin sind das Bobby Arnold (rhythm git), Earl Poole Ball (piano), John X. Reed (lead git), Sarah Brown (bass) und Redd Volkaert (lead git) mit Jon Hahn (drums). Produced by Lloyd Maines.

3.9.10

Playlist August 2010

****1/2
The Lil’ Band O’ Gold, The Promised Land –
A Swamp Pop Journey
(Room 609)
Einen Streifzug durch die reiche Musikwelt Louisianas, dargebracht von einer wahren Supergroup. Der grossartige Sumpfrocker CC Adcock (2004 mit „Lafayette Marquis“ in meinen Jahres-Top-10) und Akkordeonstar Steve Riley sind in dieser 8-Mann-Band, dazu Veteranen wie Saxofonist Dickie Landry und Singer/Songwriter Dave Egan sowie weitere Könner wie Bassist Dave Ranson (von Sonny Landreths Goners) und Drummer/Sänger Warren Storm. Es handelt sich hier um den Soundtrack eines Films, hinter dem CC Adcock steht (den es offenbar aber leider [noch?] nicht auf DVD gibt), aber wie man liest, macht die famose Kombo inzwischen auch öfter live Furore.

****

Los Lobos, Tin Can Trust (Shout Factory)
Das neue Album der besten Band der Welt bestätigt einmal mehr, dass Los Lobos – eben – die beste Band der Welt sind.

(Eilen Jewell presents) Butcher Holler, A Tribute to Loretta Lynn
(Signature Sounds)
Warum kaufe ich ein Album, auf dem eine andere Frau Songs von Loretta Lynn singt? Es gibt ja die Platten von Frau Lynn. Nun: dieses Album habe ich gekauft, weil die „andere Frau“ Eilen Jewell ist, und die hat es mit ihren letzten beiden Albums mit eigenen Songs jeweils in meine Jahres-Top-10 geschafft (2007 mit „Letters from Sinners & Strangers“, 2009 mit „Sea of Tears“). Und ich mag nicht nur ihre Songs, sondern vor allem auch die Melancholie in ihrer Stimme. Und die funktioniert auch mit Titeln wie „I’m A Honky Tonk Girl“„Don’t Come Home A-Drinkin (with Lovin’ On Your Mind“, „Another Man Loved Me Last Night“ und „You’re Lookin’ at Country“ auch prima.

Ann Savoy & Her Sleepless Knights, Black Coffee (Memphis International)
Die auf vielen Hochzeiten tanzende Ann Savoy aus Louisana (sie macht Cajun Music mit der Savoy Family Band, der Savoy Doucet Band und den Magnolia Sisters; sie macht zwischendurch ein Album mit Linda Ronstadt; sie schreibt Bücher über Cajun Music; sie schreibt Musik für Filme; sie produziert Musik usw.) hat mit ihrer Swing-Kombo das zweite Album eingespielt mit Titeln von Bessie Smith, Django Reinhardt, Fats Waller, George Gerswhin und anderen, darunter auch zwei französische Lieder. Wunderschön!

V. A., All We Wanna Do Is Rock
(Bear Family)
Der Soundtrack zum Cruisen im Amifschlitten! 36 Tracks aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren, zwischen eineinhalb und drei Minuten kurz, auf einer CD. Diese kommen sowohl von wenig bekannten wie berühmten Rock ’n’ Rollern, darunter etwa Bill Haley („R-O-C-K“), Dale Hawkins („Susie-Q“), Bob Luman („Red Hot“), Jerry Lee Lewis („Breathless“), Wanda Jackson („Let’s Have A Party“), Screamin’ Jay Hawkins („Little Demon“), Gene Vincent & The Blue Caps („Flea Brain“), Ronnie Hawkins („Stood Up“), Sleepy LaBeef („Tore Up“), Carl Perkins („Right String, Wrong Yo-Yo“), Roy Orbison („Rock House“) und Connie Francis („Lipstick On Your Collar“).

***1/2
Dr. John and the Lower 911, Tribal
(429 Records)
Der Doc solid wie immer mit seiner in den letzten Jahren gut eingespielten Begleitband. Leider hat er vergessen anzugeben, von wem die Songs sind; im Vorfeld hat es geheissen, Bobby Charles habe noch Songs für dieses Album geschrieben.

***

Blaze Foley, Sittin’ by the Road
(Lost Art)
Blaze Foley, The Dawg Years (Fat Possum)
Erstaunlich, wie immer noch unbekannte oder vemisste Bänder mit Aufnahmen von Michael David Fuller (1948–1989), der als Blaze Foley ein begnadeter Songwriter, aber auch ein wahrer Outlaw war, auftauchen. Jetzt sind gleich zwei Alben mit frühen Aufnahmen aus Georgia, als er noch als Deputy Dawg auftrat, herausgekommen. Die beiden Alben mit 12 bzw. 20 Tracks bringen Foley solo mit bekannten Songs wie „Election Day“, „Cold, Cold World“, „Springtime in Uganda“, „Clay Pigeons“, „Faded Love and Memories“ und „If I Could Only Fly“, dazu aber auch biser nicht bekannten Liedern, die auf späteren Aufnahmen nicht mehr auftauchten. Vor allem dokumentarisch interessant.

4.8.10

Playlist Juli 2010


****
1/2
Catherine Britt (ABC Australian Broadcasting Corporation)
1999 brachte die Australierin Catherine Britt eine beeindruckende EP mit eigenen Songs selbst heraus („In the Pines“) – da war sie gerademal 15. Inzwischen ist sie 26 und ihr viertes Album ist ihr bisher bestes; damit stösst sie definitiv in die Liga einer Kasey Chambers vor. Ein starker Mix aus Country, Rock, Blues und Folk, eine tolle Stimme, gute Arrangements. Shane Nicholson (der Ehemann von Kasey C.) und Bill Chambers (der Daddy von Kasey C.) haben das Album produziert und spielen darauf mit.

****

Bobby Charles, Timeless (Rice ’n’ Gravy)
Das Album, das der legendäre Bobby Charles (1938–2010), der seine Songwriter-Karriere als Teenager mit „See You Later, Alligator“ startete, kurz vor seinem Tod noch einspielte. Co-Producer Dr. John greift in die Tasten (Piano, Orgeln) und Sonny Landreth fräst seine unvergleichlichen Gitarrenriffs, zwischendurch etwas New Orleans Stomp. Ein fröhlich-trauriges Lousiana-Swamp-Album.

Bill Kirchen, Word to the Wise (Proper)
„The Titan on The Telecaster" ist einer meiner Lieblingsgitarristen seit seiner Zeit bei Commander Cody & His Lost Planet Airmen in den tiefen Seventies. Auf seinem neuen Album fehlt so ein richtiger Gitarrenknaller wie sein legendärer „Hot Rod Lincoln“. Dafür gastieren verschiedene Musiker und Sänger/Sängerinnen, mit denen er im Lauf seiner langen Karriere schon zusammengearbeit hat, darunter Nick Lowe, Elvis Costello, Commander Cody und Maria Muldaur.

Anne McCue, Broken Promise Land (Flying Machine!)
Das ist das beste Album von Anne McCue seit dem umwerfenden Live-Album „Ballad of an Outlaw Woman“ (2002), das aufgenommen wurde, als sie im Vorprogramm von Lucinda Williams tourte: solo mit der Stromgitarre. Die Australierin, die seit rund zehn Jahren in den USA lebt, spielt eine ziemlich scharfe Gitarre, ihr Sound ist rau und rockig geblieben, auch wenn sie derzeit in Nashville zu Hause ist.

***1/2
Peter Case, Wig! (YepRoc)
Singer/Songwriter Peter Case mit rauem Bluesrock.
Drums: D.J. Bonebrake.

Fred Eaglesmith, Cha Cha Cha (Lonesome Day)
Der kanadische Singer/Songwriter klingt immer mehr nicht gerade wie Tom Waits aber ein bisschen wie Johnny Dowd.

***
Robert Randolph and the Family Band,
We Walk This Road
(Warner Bros.)
In der House of God Church hat Robert Randolph als Junge gelernt, Pedal-Steel-Gitarre zu spielen, und er ist inzwischen ein Virtuose darauf. Mit seiner Family Band spielt er einen Mix aus Gospel, Soul, Pop und Funk. Das neue Album hat T Bone Burnett produziert, selbst ja auch ein frommer Mann, aber es ist nicht zu missionarisch ausgefallen.

Los Cenzontles with David Hidalgo, Songs of Wood & Steel
(Los Cenzontles Mexican Arts Center)
Los Cenzontles Mexican Arts Center in der kalifornischen Kleinstadt San Pablo (in der Nähe von San Francisco) ist eine Institution, in der mexikanischstämmige Kinder und Jugendliche die Wurzeln ihrer Kultur kennenlernen, vor allem die Musik. Inzwischen sind die Kinder aus den Anfängen erwachsen geworden und einige davon machen mit in einer Band, die sich Los Cenzontles (mex. für The Mockingbirds) nennt. Über ein Dutzend Alben haben sie schon herausgegeben. Dieses ist von 2008; Lobo David Hidalgo hat es koproduziert und spielt selbst mit. Ein interessanter Mix aus mexikanischer und amerikanischer Musik, von Conjunto und Rancheras, Folk und Rock, Tex-Mex und Blues.

*1/2
David Ball, Sparkle City (Red Dirt)
Zusammen mit den viel zu früh verstorbenen Virtuosen Walter Hyatt (1949–1996; Flugzeugabsturz in den Everglades) und Champ Hood (1952–2001; Krebs) gehörte David Ball (*1953) zu Uncle Walt’s Band, die in den frühen Seventies von Spartansburg, South Carolina über Nashville, Tennesse nach Austin, Texas zog. Das neue Album des einzigen Überlebenden dieser damals erfolglosen, heute legendären Band bietet leider nur belanglose Country-Songs und langweiligen Sound.

7.7.10

Playlist Mai / Juni 2010

****1/2

Elizabeth Cook, Welder (31 Tigers)
Ihr Album „This Side of the Moon“ (2004) stand auf meiner Top-10-Liste 2004, ihr „Balls“ auf Rang 2 meiner Top-10-Liste 2007. Seit dem Erstling „Hey, Y’all“ bin ich der Meinung, dass Elizabeth Cook Starpotenzial hat: Sie schreibt gute Songs, ist eine tolle Sängerin, ihre etwas näselnde Stimme hebt sich vom Durchschnitt ab, und zudem sieht sie auch noch gut aus … Das vierte Album der Singer/Songwriterin hat Don Was produziert, mit von der Partie als Gitarrist ist ihr Ehemann, der Singer/Songwriter Tim Carroll. Country mit schönen Rock- und Blues-Anklängen.

Carrie Rodriguez, Love and Circumstance
(Ninth Street Opus)
Die Singer/Songwriterin und Geigerin präsentiert ein Dutzend Cover-Versionen zum Thema Liebe: von „Big Love“ von Little Village (Cooder/Hiatt/Keltner/Lowe) und „Steal Your Love“ von Lucinda Williams über „I Made a Lover’s Prayer“ von Gillian Welch und „I Started Loving You Again“ von Merle Haggard bis zu „Rex’s Blues“ von Townes Van Zandt und dem zum Heulen schönen „I’m So Lonesome I Could Cry“ von Hank Williams. Wunderschön!


****

Miss Leslie, Wrong Is What I Do Best

(Zero Label Records)
Das ist Honkytonk Music vom Feinsten – Miss Leslie ist eine
meiner Lieblings-Hillbilly-Sängerinnen. Hier bringt sie 14 neue, selbst geschriebene Songs. Lead-Gitarre: Bill Kirchen.

Amy Speace, The Killer In Me (Wildflower)
Ein „Scheidungsalbum“ der Singer/Songwriterin aus New York. Ist schon 2008 erschienen, mir aber erst jetzt untergekommen. Folk von der eher düsteren Sorte.

Willie Nelson, Country Music (Rounder)
Produzent T Bone Burnett hat mir Good Old Willie (77) ein paar Klassiker aufgenommen, darunter etwa „Gotta Walk Alone“, „Freight Train Boogie“, „Satifsfied Mind“ „Pistol Packin’ Mama“ und „House of Gold“. Als Gitarrist wirkt Buddy Miller mit, als Harmoniesänger Jim Lauderdale. Schön.

J. B. Beverley & The Wayward Drifters,
Watch America Roll By
(Helltrain)
„Dark Bar and a Juke Box“ von J. B. Beverley war die Nr. 1 auf meiner Top-10-Liste 2006. Sein 2009er Album bringt im Wesentlichen more of the same.


***1/2

Merle Haggard, I Am What I Am (Hag Records)
„The Hag“ ist mittlerweile 73, aber nach gesundheitlichen Problemen offenbar wieder voll da. Ein Dutzend neue Songs, unprätentiös aber stimmungsvoll eingespielt. Sehr schön ein Duett mit Gattin Theresa.

Anders Osborne, American Patchwork (Alligator)
Blues-Hommage an „sein“ Amerika.

Miss Tess, Darling, oh Darling (self-released)
Auf einem früheren Alben coverte Miss Tess aus Boston vorwiegend Jazz-Standards. Hier bringt sie ein Dutzend eigene Songs in schönem Retro-Stil. Das klingt sehr jazzig, mit viel Klarinette und Saxofon, aber da gibts auch ein bisschen Rockabilly und Country. So stelle ich mir – in positivem Sinn – gepflegtes Bar- und Night-Club-Entertainment vor.

Ben Lee, The Rebirth of Venus (New West)
Kurzweiliger Folkpop des australischen Singer/Songwriters aus
Los Angeles.


***


Court Yard Hounds (Columbia)
Noch ein Scheidungsalbum. Die Dixie Chicks machen Pause, aber Emily Robison hat eine Scheidung zu verarbeiten und dazu einige Songs geschrieben. Zusammen mit Schwester Martie Maguire spielte sie diese als Court Yard Hounds ein. Das Problem der Erwin-Schwestern, welche die Dixie Chicks vor rund 20 Jahren gründeten, war immer der Gesang. Sie sind beide sehr gute (Saiten-) Instrumentalistinnen, aber Singen ist nicht ihr Ding. Schon in den frühen Chicks-Formationen taten sie sich daher immer mit guten Sängerinnen zusammen (mit Natalie Maines kam dann der kommerzielle Durchbruch). Und auch hier ist der Gesang das Problem: Er ist ziemlich flach, den Stimmen fehlt das Besondere. Das kann auch Jakob Dylan nicht ändern, der einen Song mitsingt.

14.5.10

Playlist April 2010

****1/2
BoDeans, Mr. Sad Clown (429records)
Eine meiner Lieblingsbands seit ihrem Debüt „Love & Hope & Sex & Dreams“ (1986; produced by T Bone Burnett). Immer noch gut. Das Duo Kurt Neumann und Sam Llanas aus Wisconsin hat das Album in Texas fast allein eingespielt, wobei Neumann fast alle Instrumente spielte und zudem für Produktion, Aufnahmen und Mix verantwortlich zeichnet – und für die Cover-Fotos. Einzige Mitmusiker: Mel Ramos (trumpets, Hammond B3) und Joseph Serrato (saxophone).

****
Pieta Brown, One and All (Red House)
Nur ein paar Monate nach der EP „Shimmer“ (#2 in meinen 2009 Top ten) mit Don Was das neue Album von Pieta Brown mit full band. Wobei auch eine full band bei ihr sehr filigrane Klänge liefert, die ihren elegischen Gesang dezent unterlegen. Ein schönes Album, wenn auch nicht so toll wie „Shimmer“.

Solomon Burke, Nothing’s Impossible
(E1 Entertainment)
Willie Mitchell, der legendäre Memphis-Produzent (Al Green, Ann Peebles u.v.a), Jazztrompeter, Bigbandleader, Begleitmusiker von B.B. King und Songwriter, hat noch kurz vor seinem Tod endlich ein Album mit Solomon Burke aufgenommen – etwas, was er eigentlich seit Jahrzehnten schon tun wollte. Es ist ein schönes, klassisches Soul-Album geworden.

The Del-Lords, Under Construction – Canciones del nuevo disco de estudio aun sin mezclar (self-released)
Das macht Freude: Die legendäre 1980er Roots-Rock-Pionier-Kombo aus New York City ist wieder im Studio – in Originalbesetzung: Scott Kempner, Eric Ambel, Manny Caiati und Frank Funaro. Auf dieser Vorab-EP präsentieren sie fünf erste Kostproben des kommenden Albums im Rohmix. Einzige Angaben auf dem Kartoncover: All songs by Scott Kempner, produced by Eric „Roscoe“ Ambel. Tönt gut, viel zu mixen gibts da nicht mehr.

Jason & The Scorchers, Halcyon Times (Blue Rose)
Cowpunk nannte man damals in den 1980er Jahren die freche Mischung aus Country und Hardrock, die Jason Ringenberg und seine Band bis in die 1990er spielten. Dann ging Ringenberg solo, eher ein bisschen im Singer/Songwriter-Stil. Jetzt sind Jason & The Scorchers zurück und lassen es richtig krachen: laut, schnell, dreckig. Tolles Album!

***1/2
DeSoto Rust, Highway Gothic (self-released)
Quartett aus Philadelphia, Americana mit Ohrwurm-Potenzial.

The Bottlerockets, Lean Forward (Bloodshot)
Solides Album der Rootsrocker um Brian Henneman;
produced by Eric „Roscoe“ Ambel.

Tom Russell, Cowboy’d All to Hell (Frontera)
Sammlung von Russells Cowboy-Songs, 17 an der Zahl, von „El Llano Estacado“ bis „The Rose of the San Joaquin“ neu eingespielt mit der Klampfe, zwei („Navajo Rug“ und „Gallo del Cielo“) im Duett mit Ian Tyson, neun Songs mit Unterstützung des Gitarristen Thad Beckman.

***
Kasey Anderson, Nowhere Nights (Blue Rose)
Americana-Singer/Songwriter; produced by Eric „Roscoe“ Ambel.

Reckless Kelly, Somewhere in Time (by Pinto Bennett) (YepRoc)
Eine Hommage der nach Texas ausgewanderten Reckless Kelly an den Songwriter Pinto Bennett aus ihrer Heimat Idaho.


15.4.10

Playlist März 2010

****1/2
John Hiatt, The Open Road (New West)
John Hiatt ganz stark; erdig, sehr bluesig, ohne Firlefanz. In den letzten Jahren hat er sich von Album zu Album gesteigert und erreicht jetzt fast schon wieder das Level seiner Meisterwerke „Bring the Family“ (*****, 1987; mit Ry Cooder, Nick Lowe, Jim Keltner) und „Slow Turning“ (*****, 1988; mit Sonny Landreth).

****
The Holmes Brothers, Feed My Soul (Alligator)
O ja, das ist Nahrung für unsere Seelen!

Sonny Landreth, Mississippi Blues (Fuel) Die in den 1990er schon einmal erschienenen „Crazy Cajun Recordings“ des meisterhaften Gitarristen aus Louisiana sind hier neu aufgelegt: Die 20 Tracks, eingespielt 1973 und 1977 mit dem legendären Produzenten Huey P. Meaux (u.a. „Erfinder“ des Sir Douglas Quintet), zeigen, dass Landreth schon in jungen Jahren ein grossartiger Gitarrist war. Leider fehlen jegliche Angaben zu Mitmusikern.

Texas Tornados, ¡Esta Bueno! (Bismeaux) Gut zehn Jahre nach dem Tod von Mastermind Doug Sham lässt sein Sohn Shawn Sahm die Texas Tornados wieder aufleben. Der inzwischen auch von uns gegangene Freddy Fender war zumindest bei einem Teil der Aufnahmen noch dabei. Zudem hat Shawn noch eine alte Demoaufnahme mit seinem Dad ausgegraben. Ansonsten tritt der Junior in Dougs übergrosse Fussstapfen. Ich habe die CD erst einmal mit einiger Skepsis in den Player geschoben, sie seither aber etliche Male wieder gehört. ¡Muy bueno!

***1/2
Pete Anderson, Even Things (Little Dog) Noch ein grosser Gitarrist und Produzent (Dwight Yoakam, Michelle Shocked u.v.a). Aber ein grosser Sänger ist Pete Anderson immer noch nicht.

**1/2
The Chieftains featuring Ry Cooder, San Patricio (Hear Music/Blackrock) Das Projekt um eine Episode im amerikanisch-mexikanischen Krieg (1846–1848) – eine Gruppe von Iren bzw. irischstämmigen Amerikanern kämpfte auf der Seite der Mexikaner – erinnert etwas an Ry Cooders „Chavez Ravine“ (2005). Es ist ebenso sorgfältig und ernsthaft und sicher in jeder Hinsicht korrekt gemacht. Neben Ry Cooder wirkten auch Grössen wie Linda Ronstadt, Los Tigres del Norte und Carlos Núñez mit. Doch das ständige irirische Pfeifengedudel, das fast jeden Song begleitet, nervt mich mit der Zeit fast so sehr wie Strassenmusikanten mit der Panflöte.

*
The Watson Twins, Talking To You, Talking To Me
(Vanguard) Vielversprechend klang der folkige Gesang der Zwillingsschwestern Chandra und Leigh Watson aus Louisville, Kentucky auf dem Album „Rabbit Fur Coat“ (2006) von Jenny Lewis und auch auf ihrer eigenen EP „Southern Manners“ (2006). Ihr Debütalbum „Fire Songs“ (2008) konnte die geweckten Erwartungen aber nicht so recht erfüllen. Und mit ihrem neuen Album sind die Watson Twins völlig abgestürzt: Nichtssagende Songs, die man schon vergessen hat bevor sie ganz verklungen sind und pseudo-tiefsinnige Arrangements mit seltsamen Chill-Techno-Anleihen verbreiten nichts als Langeweile.