30.8.06

Im CD-Wechsler (12/2006)

***1/2 – Mark Selby, „And The Horse He Rode In On“ (ZYX Music)
Mark Selby, bekannt vor allem als Songwriter – etwa für Kenny Wayne Shepherd und die Dixie Chicks –, hat sich mit der Klampfe in seine Stube gesetzt und ein paar seiner neuen und nicht mehr so neuen Lieder aufgenommen. Das Vorgehen tönt simpel. Das Resultat klingt aber ziemlich gut. Dies vor allem, weil Selby nicht nur ein guter Songschreiber ist, sondern vor allem auch ein exzellenter Gitarrist. Seine Slide-Künste auf der akustischen Gitarre sind ein Genuss. Am einen oder anderen Ort hat er mit ein paar sparsamen Overdubs den Mann-mit-Klampfe-Sound noch etwas akzentuiert. Seine Darbietung changiert irgendwo zwischen klassischem Blues und Folk und Country. Ergänzt hat er seine eigenen Titel mit Covers von ein paar Lieblingssongs. Es ist immer spannend zu sehen, welche „fremden“ Songs Songschreiber besonders mögen. Mark Selby zeigt da guten Geschmack: „Down In The Flood“ von Bob Dylan, „A Whiter Shade Of Pale“ von Procol Harum (interessant, diesen Hammondorgel-lastigen Klassiker auf der akustischen Gitarre zu hören) und „Little Wing“ von Jimi Hendrix.

*** – The Stairwell Sisters, „Fell All Over The Floor“ (Yodel-Ay-Hee)
Die Stairwell Sisters sind Martha Hawthorne (Bass), Stephanie Prausnitz (Fiddle), Lisa Berman (Dobro, Guitar, Banjo, Weissenborn, Hawaiian-Slide), Sue Sandlin (Guitar, Tiple, Accordion) und Evie Ladin (Banjo, Buckdancing). Das Frauen-Quintett aus San Francisco spielt alte Folk-, Stringband- und Bluegrass-Stücke. Die Instrumental-Tracks klingen so wie weiland in den frühen Siebzigerjahren das, was musikalische Hippiekommunen an Folkfestivals rauf- und runterdudelten. Das perlt und klingelt und hüpft so niedlich und nett, dass es mir nach drei Minuten zum Hals raus hängt. Doch dazwischen singen sie auch, und das mit so viel Dreck in den Stimmen, dass ein wohltuender Kontrast zum lieblichen Musizieren entsteht. Dafür gebe ich ein Sternchen dazu.

***1/2 – The Wailin’ Jennys, „Firecracker“ (Red House)
Ein halber Stern extra für den wirklich echt witzigen Namen dieses Frauen-Trios aus Kanada! Ruth Moody, Nicky Mehta und Annabelle Chvostek sind alle drei Songschreiberinnen und Sängerinnen und Gitarristinnen; Chvostek spielt auch Mandoline und Violine, Moody auch Akkordeon und Banjo. Unterstützt von weiteren Musikern mit teils auch elektrisch verstärkten Instrumenten singen und spielen sie praktisch ausschliesslich eigene Song in einer charmanten Mischung aus Folk und Country.

**** – Lauren Marie, „Introducing Miss Lauren Marie“ (Texas Jamboree)
Aus dem Nordosten der USA stammt Lauren Marie, jetzt lebt sie in Austin, Texas. Und sie singt Rockabilly und Honkytonk, dass es eine wahre Freude ist. Unter den Fittichen von Produzent und Gitarrist Bobby Horton hat sie ein bezauberndes Debüt eingespielt mit Songs wie Roy Orbisons „Sweet And Easy To Love“, Willie Nelsons „How Long Is Forever“, Pat Boones „Moody River“, Bing Crosbys „Three Little Words“, Billy Walkers „The Last Kiss Is The Sweetest“ und Johnny Burnettes „Believe What You Say“. Ziemlich cool.

*** – Candace Kunz, „Keepin’ It Simple“ (self-released)
Candace Kunz arbeitet an der Bar im legendären General Store von Luckenbach, Texas. Und sie schreibt Songs. 14 eigene Lieder hat sie unterstützt von einem musikalischen Stammgast in Luckenbach, T-Roy Miller (Gitarre, Dobro) nun aufgenommen und selber herausgebracht. Eine talentierte junge Frau mit bluesiger Ader. Muss man im Auge behalten.

15.8.06

Im CD-Wechsler (11/2006)

* – Neil Young, „Living with War“ (Reprise)

Zwei Klarstellungen vorweg:
1. Ich bin ein grosser Verehrer von Neil Young und seinem Werk, schon seit den tiefen Siebzigerjahren. Mein Lieblingsalbum von Neil Young ist „American Stars ’N Bars“ (1977), und ich mag auch viel geschmähte Alben wie „Everybody’s Rockin’“ oder „Re-ac-tor“.
2. Ich bin gegen den Krieg. Welchen auch immer. Grundsätzlich.

Und nun hat Neil Young ein Album gegen den Krieg und gegen US-Präsident Bush gemacht. Und es ist – es tut weh – grauenhaft. Die Texte sind teils nur plump. Die Musik ist uninspiriert und langweilig. Und ständig irgendwelche Kinderchöre im Hintergrund, bei welchen mir gleich „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd (gar keine Lieblingsband von mir) einfällt.
Das Album ist ja jetzt schon einige Monate alt, und es ist wochenlang bei mir rumgelegen, bis ich es mal in den CD-Player schob. Denn ich dachte, an so viel Negativem, was ich schon darüber gehört hatte, muss ja wohl leider schon ein bisschen was dran sein. Aber was ich dann hörte, war schlimmer als alles, was ich befürchtet hatte.

Schwamm drüber und auf das nächste Album von Neil Young warten! Ich bin überzeugt, dass dies ein einmaliger Ausrutscher war.

** – Dixie Chicks, „Taking the Long Way“ (Columbia)

Zwei Klarstellungen vorweg:
1. Ich mag die Dixie Chicks. Schon immer. Schon bevor Natalie Maine dazu stiess und sie berühmt wurden. 1992 in Texas bin ich auf sie gestossen, und das damalige Album „Little Ol’ Cowgirl“ finde ich heute noch toll.
2. Ich gönne diesen hoch talentierten Frauen den plötzlichen Welterfolg, der 1998 kam – es ist doch immer mal wieder schön, wenn es ausnahmsweise einmal die Richtigen schaffen. Und ich finde, sie haben sich auch im grossen Musikgeschäft gut gehalten.

Und nun das: Nach dem Bashing wegen Natalie Maines’ Anti-Bush-Statement haben sie unter den Fittichen des grossen Rick Rubin ein Album aufgenommen, mit welchem sie sich ein bisschen trotzig gegen die konservativen Fans stellen. So weit, so gut. Nur: Das Album klingt irgendwie Scheisse, ist in kaum einem Moment auf der Höhe ihres sonstigen Schaffens. Statt dem stupenden Können der Schwestern Emily Robison und Martie Maguire auf allerhand Saiteninstrumenten höre ich pampige Orgeln. Alles wirkt überorchestriert, die durchaus vorhanden feinen Töne werden ständig überdeckt.

Schwamm drüber und auf das nächste Album der Dixie Chicks warten! Nachdem sie nun ihren Frust rausgelassen haben, können sie sich wieder auf ihre wirklichen Qualitäten besinnen. Und dafür müssen sie auch gar nicht zu einem Starproduzenten nach Los Angeles pilgern. Natalies Papa Lloyd Maines würde als Produzent ihrem Sound besser dienen.

10.7.06

Im CD-Wechsler (10/2006)

****1/2 – 77 el Deora, „Sirens“ (Western Independent)
Aus San Francisco kommt die hippe Hardcore-Country-Kombo mit dem seltsamen Namen 77 el Deora um das Sänger- und Songwriter-Paar Jenn Courtney und Maurice Tani. Miles of Music beschreibt das Album schöner als ich es könnte: Intelligent, original, neo-noir honky-tonk in the classic rhythms and themes of western America: cheatin`, lyin`, drinkin`, dyin`, broken hearts, shattered dreams, bright, twangy guitars and the Ray Price shuffle. Beide Gesangsstimmen, die weibliche (Jenn Courtney) wie die männliche (Maurice Tani, spielt auch die Gitarre), sind stark. Und besonders fällt die virtuose Fiddle von Steve Kallai auf. Komplettiert wird das Quintett durch den Bassisten Keith Bahjat und den Drummer Christopher Fisher. Auf der CD gibts zudem zusätzliche Gitarren, Steel guitar sowie Piano & organ. Das mit Hardcore-Country sehen 77 el Deora nicht so eng, da haben auch Elemente von Rock und Rockabilly, von Soul und Blues ihren Platz. Die Songs schreibt Maurice Tani. Als Covers gibts zudem „3:30 In The Afternoon“ von Dallas Wayne und „Cryin’ Over You“ von Roy Orbison – und als hidden track eine umwerfende Country-Version des Georgia-Satellites-Hits „Keep Your Hands To Yourself“ mit tollen Fiddle-Passagen. Ein ganz starkes Album.

**** – The Hoyle Brothers, „One More Draw“ (Loose Booty)
Noch so eine herzerfrischende Honkytonk-Band! Das zweite Album der Holye Brothers – die nicht wirklich Brüder sind, jedenfalls keine leiblichen – bringt erneut eine höchst tanzbare Mischung aus im besten Sinne altmodischem Country, gewürzt mit etwas Western Swing, Rockabilly, Boogie, Walzer und einem Hauch von Blues. Ihre Songs drehen sich um gebrochene Herzen und um das Wegtrinken von Herzschmerz. Sehr schön ihr Cover von Ray Price’s „Walkin’ Slow (An Thinking ’Bout Her)“.

***1/2 – Jeffrey Foucault, „Ghost Repeater“ (Signature Sounds)
Jeffrey Foucault aus Wisconsin ist ein Singer/Songwriter in der Tradition eines Townes Van Zandt und Guy Clark. Eigentlich ist er ein Mann mit der Klampfe und seinen Liedern. Sein neues Album produzierte aber Bo Ramsey, und der unterlegt dem Song-und-Klampfe-Sound einen feinen Tonteppich mit seiner exzellenten Slide-Gitarre und den Klängen weiterer Musiker aus der Szene um Greg Brown in Iowa City.

*** – Kris Kristofferson, „Live From Austin, Tx“ (Austin City Limits, 1981) (New West)
Eine weitere Liveaufnahme der TV-Show „Austin City Limits“: Kris Kristofferson mit Band am 14. September 1981. „Help Me Make It Through The Night“, „Me And Bobby McGee“, „Casey’s Last Ride“, „The Pilgrim“, „Loving Her Was Easier“, „Sunday Morning Coming Down“ und zehn weitere Songs. Solid, angenehm, aber nicht herausragend.
Was nervt bei dieser CD-Reihe: Es gibt auf der CD keine Angaben zum Line-up. Natürlich finde ich das schon irgendwie raus (Stephen Bruton - Guitar, Vocals; Glen Clark - Guitar, Mandolin, Vocals; Sammy Creason - Keyboards, Guitar, Harmonica, Vocals; Donnie Fritts - Drums; Tommy McClure - Bass; Billy Swan - Keyboards, Guitar, Vocals), aber es gehört einfach aufs Plattencover (vielleicht stehts bei der DVD drauf – die ganze Reihe kommt als CD und DVD heraus).

** – Alejandro Escovedo, „The Boxing Mirror“ (Back Porch)
Ich weiss nicht woran es liegt: Wie mit früheren Escovedo-Werken werde ich auch mit seinem neuen Album einfach nicht warm. Das Teil, produziert von John Cale und eingespielt mit Könnern wie dem Gitarristen Jon Dee Graham, wird allenthalben in hohen Tönen gelobt. Mir gehts zum einen Ohr rein und zum anderen raus – hängen bleibt nichts.

30.6.06

Im CD-Wechsler (9/2006)

***1/2 – Sally Spring, „Mockingbird“ (Sniffinpup)
Sally Spring war bislang nicht bekannt. Dabei sei sie a folk-rock legend in the New York and Los Angeles music scenes during the 70s and early 80s, sagt ihre Website. „Mockingbird“ sei ihr viertes Album; die drei früheren sind ohne Jahrgangsangabe auf der Website abgebildet, und die Schwarzweissfotos darauf sehen schon ziemlich alt aus. Nun, „Mockingbird“ ist ein schönes Folk-Album, teils mit leicht rockigen Tönen. Gute Stimme, starker Gesang. Die meisten Songs sind von Sally Spring geschrieben, dazu gibt es unter anderen „Hickory Wind“ von den Byrds, und Gene Parsons spielt auch mit. Unter den Gästen sind zudem Tift Merritt, Marshal Crenshaw und Caitlin Cary.

***1/2 – Brigitte DeMeyer, „Something After All“ (33rd Street)
Brady Blade, der Drummer in Emmylou Harris’ Spyboy-Band, hat das Album von Brigitte DeMeyer produziert und für die perkussiven Elemente auch selbst Hand angelegt. Brigitte DeMeyer ist eine Singer/Songwiriterin aus der Gegend von San Francisco, die ansprechende Songs schreibt und eine gute Stimme hat. Produzent Blade stellte ihr unter anderen Buddy Miller, Emily Saliers, Steve Earle und Daniel Lanois zur Seite. Zu Beginn vermag das Album einen gewissen Sog zu entwickeln – der Sound ist dicht, der Gesang eindringlich. Doch gegen Ende plätschern die Songs – bis auf Steve Earles „More Than I Can Do“, Buddy Millers „You Wrecked Up My Heart“ und „Latter Days“ von Over The Rhine alle von DeMeyer geschrieben – ein bisschen beliebig dahin.

**** – The Yahoos, „Put The Hammer Down“ (Lakeside Lounge)
Und wieder einmal ein Album der Kategorie „Gaspedal runter und ab auf den Highway“. Dan Baird (ex Georgia Satellites), Eric „Roscoe“ Ambel (ex Del-Lords), Drummer Terry Anderson (Terry Terry Anderson and the Olympic Ass-Kickin Team) und Bassist Keith Christopher (ex Georgia Satellites) lassen es ordentlich krachen. Solider Südstaaten-Rock mit einem Augenzwinkern.

**** – Sir Douglas Quintet, „Live From Austin, Tx“ (Austin City Limits, 1981) (New West)
Der viel zu früh von uns gegangene Doug Sahm mit der 80er-Version des Sir Douglas Quintet in Hochform. Mit Augie Meyers und Johnny Perez vom Original-Sixties-Quintet sowie Alvin Crow und Speedy Sparks. Der Live-Mitschnitt der TV-Show „Austin City Limits“ vom 21. Januar 1981 beginnt mit dem Hit „Mendocino“ und endet mit dem Hit „She’s About A Mover“. Dazwischen 15 weitere Songs, darunter etwa Butch Hancocks „I Keep Wishing For You“, Doug Sahms Hippie-Hymne „Groover’s Paradise“, Augie Meyers’ „Goin’ Down To Mexico“, „Who’ll Be The Next In Line?“ von den Kinks, Alvin Crows „Tonite, Tonite“ und Roky Ericksons „You’re Gonna Miss Me“. Grosse Klasse!

14.6.06

Im CD-Wechsler (8/2006)

****1/2 – Bob Delevante, „Columbus and the Colossal Mistake (A Collection of Songs and Photographs)“ (Relay)

Was für Songs! Das Titelstück, dann „Circles Round Me“, „Fly Home To“, „Venice Is Sinking“ bleiben rasch hängen in den Gehörgängen, und dann kommt erst noch der definitive Ohrwurm: „Texarkana State of Mind“, am Schluss noch in einem anderen Mix wiederholt. Es ist das vierte Album von Bob Delevante, die ersten beiden realisierte er in den Neunzigern mit seinem Bruder als The Delevantes, das erste Soloalbum Ende 1999. Bob Delevante ist nicht „nur“ Musiker, sondern auch Grafiker und Fotograf; der neuen CD liegen fünf Fotopostkarten bei. Nichts gegen die Schwarzweissbilder, aber die Musik gefällt mir bedeutend besser: ein runder Americana-Mix mit teils stark bluesigen und rockigen, dann wieder mehr folkigen Akzentuierungen. Unterstützt wird Songschreiber, Sänger und Gitarrist Delevante unter anderen von Fats Kaplin an Banjo, Fiddle und Pedal steel, von Garry Tallent am Bass, von Southside Johnny an der Harmonica sowie Buddy Miller und Kenny Vaughn mit ihre Gitarren und der Stimme von Emmylou Harris. Und zu den „ordentlichen“ elf Songs gibts übrigens neben der erwähnten „Texarkana“-Variante auch eine Americana-Version des Ramones-Klassikers „Blitzkrieg Bop“.

**** – Eric Hisaw, „The Crosses“ (Saustex Media)
Eric Hisaw aus Las Cruces, New Mexico, hat, wie John Conquest in seinem Magazin 3rd Coast Music so schön schreibt, the soul of a poet and the heart of a rock & roller. Auch sein neues Album bringt starke Songs in Countryrock-Sound, elf neue eigene plus Taj Mahals „Further On Down the Road“.

*** – Commander Cody & His Lost Planet Airmen, „Texas Roadhouse Favorites“ (Live 1973) (Music Avenue)
„Live From Deep in the Heart of Texas“ von Commander Cody & His Lost Planet Airmen war tief in den Seventies eines meiner Lieblings-Livealben. Die absolut virtuose Mischung aus Rock ’n’ Roll, Country und Western Swing dieser ebenso witzigen wie kompetenten Hippie-Combo war damals für mich als Zwanzigjährigen – neben der damals wie heute unwiderstehlichen Emmylou Harris – einer der Auslöser für mein Interesse an Country music. Die Band war damals in ihrer Bestbesetzung mit Bill Kirchen, bis heute einer meiner favorite Gitarristen, Billy C. Farlow, Andy Stein, Bruce Farlow usw.: Commander Cody a.k.a. George Frayne (piano, vocals), Billy C. Farlow (lead vocals, harmonica, trumpet), Bill Kirchen (lead guitar, vocals, trombone), John Tichy (rhyhtm guitar, vocals), Bobby Black (pedal steel guitar), Andy Stein (fiddle, sax) „Buffalo“ Bruce Farlow (bass, background vocals) und Lance Dickerson (drums). Das Live-Konzert einer abgespeckten Version der Band, das ich in den frühen Achtzigerjahren im damaligen Lone Star Cafe in New York sah und hörte, war zwar durchaus ein Erlebnis, hatte aber nicht die Qualität und Intensität des legendären Texas-Konzerts.
Die neue CD „Texas Roadhouse Favorites“ bringt nun die auf der LP fehlende Hälfte jenes wilden Konzerts aus dem Jahr 1973 in Austin, Texas. Offenbar hatte die Band das als Doppelalbum geplant, die Plattenfirma wollte dann aber nur eine einfache LP machen. „Blue Suede Shoes“, „Down and Out“, „Milk Cow Blues“, „Hard Headed Woman“, „Hot Rod Lincoln“, „Lawdy Miss Clawdy“ und „Jailhouse Rock“ gehören zu den insgesamt 13 Tracks. Und das macht immer noch Spass.

11.5.06

Im CD-Wechsler (7/2006)

**** – Sunny Sweeney, „Heartbreaker’s Hall Of Fame“ (self-released)
Sunny Sweeney ist „a gal from Texas“. Ihr Debütalbum mag relativ konventionelle Country- und Countryrock-Musik bringen, doch es hat sich lange gehalten in meinem CD-Wechsler, denn es ist weit überdurchschnittlich. Sunny hat eine etwas dreckige, starke Stimme, den richtigen Honkytonk-Groove, starke Begleiter, darunter etwa Fiddler Bobby Flores und Gitarrist Caspar Rawls – und eine sehr gute Songauswahl. Drei Titel hat sie selber geschrieben, zwei, darunter das wunderschöne „Refresh My Memory“, kommen von Jim Lauderdale (der auf Keith Sykes’ „Lavender Blue“ auch mitsingt), dann ist da „East Texas Pines“ von Libbi Bosworth und „Mama’s Opry“ von Iris DeMent. Und vor allem das umwerfende «Next Big Nothing“ von Audrey Auld, von Sunny Sweeney mit wunderbarer Selbsironie rübergebracht:
Once I thought that I would be a big star
Making everybody look at me
Driving to the bank in my big car
And looking at my self on TV

But I’m a gonna be the next big nothing
You won’t see my name on MTV
I’m a gonna be the next big nothing
No one knows my name in Tennessee

**** – Exene Cervenka and The Original Sinners, „Sev7en“ (Nitro)
Nachdem sie mit Dave Alvin und ihrem Frontpartner bei X, John Doe, The Knitters wieder aufleben liess, stand Exene Cervenka offenbar der Sinn nach gutem altem Punkrock. Ein Hauch von Rockabilly und ein paar akustische Klampfentakte dürfen zwischendurch auch mal sein, aber sonst geht es sehr rockig zur Sache. Bis auf „Ghosts On The Highway“ von Jeffrey Lee Pierce (The Gun Club) hat alle Songs Exene Cervenka gechrieben, ein paar zusammen mit dem Gitarristen Jason Edge.

***1/2 – Mark Knopfler and Emmylou Harris, „All The Roadrunning“ (Mercury)
Auch wenn betont wird, dass das ein gemeinsames Werk ist – eigentlich ist es ein Album von Mark Knopfler, auf dem Emmylou Harris mitsingt. Von ihm sind die meisten Songs, sein typischer Sound dominiert. Aber es ist ein schönes Album mit ein paar berührenden Duetten. (Live am 2. Juni 2006 im Hallenstadion Zürich)

***1/2 – The Black Keys, „Chulahoma“ (Fat Possum)
In den Liner Notes beschreibt Dan Auerbach, die bessere Hälfte der Black Keys, wie ihn ein Album von Junior Kimbrough (1927–1998) musikalisch auf den richtigen Weg brachte, als er 18 war. Dieses Minialbum mit sechs Songs von Kimbrough ist nun seine Hommage an den Meister. Stark. Aber nicht so stark wie der archaische Bluesmann aus Hudsonville, Mississippi war.

** – Bruce Springsteen, „We Shall Overcome – The Pete Seeger Sessions“ (Columbia)
Auf seine alten Tage entdeckt Springsteen die alten Protestsongs der Folklegende Pete Seeger. Klingt mir ein bisschen zu sehr nach Pfadfinderfolklore.

**** – Steve, Bob & Rich: „Balls“ (1984) (BAT Records)
Das Trio Steve, Bob & Rich aus Kansas City, gegründet 1983, machte ab 1985 als The Rainmakers Furore, unter anderem mit dem Hit „Let My People Go-Go“. Auf dem selbstproduzierten Debüt von 1984 sind die knackigen Rock-’n’-Roll-Heuler, mit welchen sie berühmt wurden, in den Urversionen zu hören, dazu ein paar Live-Tracks, darunter John Fogertys „Rockin’ All Over The World“. Ein Gaspedal-runter-Album für den Highway.

8.4.06

Im CD-Wechsler (6/2006)

***** – Kris Kristofferson, «This Old Road» (New West)
Er gehört für mich zu den wichtigsten Songschreibern überhaupt. Legendäre Songs wie «Me and Bobby McGee», «Help Me Make It Through the Night» und «Sunday Morning Coming Down» prägten schon seit Debütalbum vor mittlerweile 36 Jahren.
Auf seinem neuesten Werk «This Old Road» – seinem ersten Album mit neuen Songs seit «A Moment Of Forever» von 1995 – markiert er zwar ein bisschen den alten Mann, der zurück blickt auf die alten Zeiten. Aber der Lauf der Zeit macht ihn noch immer zornig, und er singt immer noch gegen den Krieg.
Musikalisch ist das von Don Was produzierte Album sehr ruhig und cool. Don Was zupft den akustischen Bass und spielt auch mal Piano, Jim Keltner unterstützt den Rhythmus mit seinen typisch federnden Drums, Kristoffersons alter Kumpel Stephen Bruton spielt Gitarre und Mandoline, Kristofferson selbst Gitarre und Mundharmonika. Mehr braucht dieses intensive Werk nicht.

**** – Jesse Dayton, «South Austin Sessions» (Stag)
Ein sehr hübsches «Zwischendurch-Album» von Jesse Dayton mit Covers: «Loretta» von Townes Van Zandt, «Mexican Blackbird» von ZZ Top, «Why Do I Love You» von Jim Lauderdale, «Roadworn & Weary» von Eddie Spaghetti, «Cornbread, Peas and Black Molasses» von Sonny Terry & Brownie McGhee und anderen. Zwei obskure Titel stammen vom Holländer Herman Brock Jr (der als Herman Brock Jr & The Eurocasters tourt), einer von dessen Vater Herman Brock Sr (in dessen Band Fat Freddy’s Freak Federation der Junior Leadgitarrist war). Brock Jr spielt bei Dayton auch mit, unter vielen anderen auch Gitarrist Redd Volkaert, Fiddler Erik Hokkanen und Gitarrist Caspar Rawls.

**** – Shaun Young, «Wiggle Walk» (Goofin)
Das zweite Soloalbum von Shaun Young, der als Frontmann des Trios High Noon aus Austin, Texas bekannt wurde. Vorwiegend eigene Songs, aber ganz im Stil das klassischen Rockabilly aus den Fifties. Gekonnt, witzig – und geht ganz schön in die Beine.

**** – Rough Shop, «Far Past The Outskirts» (Perdition)
Das Sextett Rough Shop aus St. Louis besteht aus Mitgliedern der Akustik-Americana-Band One Fell Swoop, der Sängerin und Gitarristen Anne Tkach (Hazeldine, Nadine) und Keyboarder Nate Dahm. Ein facettenreiches Album irgendwo zwischen Country und Rock und Bluegrass und Soul.

**** – Jessi Colter, «Out Of The Ashes» (Shout! Factory)
63 wird Jessi Colter im Mai. Die Witwe von Waylon Jennings (davor war sie mit Duane Eddy verheiratet) war die einzige erfolgreiche Frau in der Outlaw-Country-Bewegung der frühen Siebziger. 1975 brachte sie es mit «I’m Not Lisa» auf Platz 1 der Billboard Country Charts. In den letzten 20 Jahren hörte man nicht mehr viel von ihr. Doch jetzt kommt sie, und wie! Das (wie das neue Album von Kris Kristofferson, siehe oben) von Don Was produzierte Werk bringt eine starke Mischung aus Blues, Soul, Country, Rock, Gospel und Piano-Balladen. Eingearbeitet sind auch Gesangspassagen, die Waylon Jennings vor seinem Tod aufgenommen hatte. Auch Sohn Shooter Jennings ist mit von der Partie. Und mit Tony Joe White singt sie im Duett sein «Out Of The Rain».

*** ½ – Cindy Woolf, «Simple and Few» (MayApple)
Ein bisschen Folk, ein bisschen Bluegrass, ein bisschen Blues. Und eine starke Stimme. Akustisch, eher zart, unspektakulär – und wird immer besser, je länger man zuhört.

26.3.06

Im CD-Wechsler (5/2006)

Nein, dieser Blog ist nicht tot. Zurzeit habe ich aber zu wenig Zeit zum Musikhören – und noch weniger Zeit, darüber zu schreiben.
Darum nur ein schneller Blick auf den derzeitigen Inhalt des CD-Wechslers:

***1/2 – Hayseed Dixie, «Hot Piece of Grass» (Cooking Vinyl)

*** – BR5-49, «Dog Days» (Dualtone)

***1/2 – Andrew T. Hunt, «Broken Wheel» (Hayden's Ferry/Rustic)

**** – Kenny Roby, «The Mercy Filter» (Pulp Recordings)

***1/2 – The Gourds, «Heavy Ornamentals» (Eleven Thirty)

***** – June Carter Cash, «Ring Of Fire: The Best Of . . . » (Dualtone)

Mehr folgt bald, und dann auch wieder ausführlicher.

13.3.06

Schwule Cowboys

Ich habs ja noch nicht mal geschafft, «Walk The Line» zu sehen. Und schwule Cowboys interessieren micht nicht wirklich. Aber nun kommen Freundinnen und Freunde und sagen, «Brokeback Mountain» müsse man gesehen haben.
Und heute noch dieses E-Mail:

Das gabs noch nie, musst auf deinem Blog veröffentlichen: schwuler Cowboysong! Das einzige was man ihm vorwerfen kann: Warum hat Willie das nicht vor 30 Jahren gesungen? It took this taiwanese guy's movie, first...

There's many a strange impulse out on the plains of West Texas;
There's many a young boy who feels things he don't comprehend.
Well small towns don't like it when somebody falls between sexes,
No, small towns don't like it when a cowboy has feelings for men.
Well I believe in my soul that inside every man there's a feminine,
And inside every lady there's a deep manly voice loud and clear.
Well, a cowboy may brag about things that he does with his women,
But the ones who brag loudest are the ones that are most likely queer.
Cowboys are frequently secretly fond of each other
What did you think those saddles and boots was about?
There's many a cowboy who don't understand the way that he feels towards his brother,
Inside every cowboy there's a lady who'd love to slip out.
Ten men for each woman was the rule way back when on the prairie,
And somehow those cowboys must have kept themselves warm late at night.
Cowboys are famous for getting riled up about fairies,
But I'll tell you the reason a big strong man gets so uptight:
Cowboys are frequently secretly fond of each other
That's why they wear leather, and Levi's and belts buckled tight.
There's many a cowboy who don't understand the way that he feels towards his brother;
There's many a cowboy who's more like a lady at night.
Well there's always somebody who says what the others just whisper,
And mostly that someone's the first one to get shot down dead:
When you talk to a cowboy don't treat him like he was a sister
Don't mess with the lady that's sleepin' in each cowboy's head.
Cowboys are frequently secretly fond of each other
Even though they take speed and drive pickups and shoot their big guns;
There's many a cowboy who don't understand the way that he feels towards his brother;
There's many a cowboy who keeps quiet about things he's done.

25.2.06

Im CD-Wechsler (4/2006)

****1/2 – Rosanne Cash, «Black Cadillac» (Capitol)

Aus einem spannenden Interview, das Peter Hossli mit Rosanne Cash führte (erschienen im Schweizer Nachrichtenmagazin «Facts» am 26.01.2006):

Ms. Cash, welche Automarke fahren Sie?
Rosanne Cash: Ich lebe in Manhattan, da brauch ich kein Auto.

Sie besitzen keines?
Okay, wir besitzen einen alten, klapprigen Van. Ob der noch anspringt, weiss ich nicht.

Haben Sie jemals einen Cadillac besessen?
Ich? Nein.

Ihr neustes Album heisst «Black Cadillac». Ein komischer Titel für einen Automuffel.
Der schwarze Cadillac war die Ikone meiner Kindheit. Mein Vater fuhr jedes Jahr einen zu Schrott, meine Mutter kaufte jeweils den neuen. Zudem ist es eine Metapher.

Für was?
Das ist doch offensichtlich. Für den Tod. Es ist das letzte Auto, in dem man fährt – im Sarg zum Friedhof.

Das ganze Interview ist hier nachzulesen.


In Memory of
June Carter Cash, June 23, 1929 - May 15, 2003
John R. Cash, February 26, 1932 - September 12, 2003
Vivian Liberto Cash Distin, April 23, 1934 - May 24, 2005
steht auf der Booklet-Rückseite, und so wundert es nicht, dass Moll-Töne das Album prägen. Während der Arbeit an dem Album hat Rosanne Cash ihre Stiefmutter June Carter, ihren Vater Johnny Cash (interessant übrigens in Peter Hosslis Interview, wie sie zwischen dem «Vater» und «Johnny Cash» unterscheidet), und dann auch noch ihre Mutter verloren.
Entstanden ist ein Album, dass so gut ist wie ihr grossartiges «10 Songs» vor zehn Jahren.


*** – Original Motion Picture Soundtrack, «Walk The Line» (Sony/BMG)
Joaquin Phoenix spielt nicht nur Johnny Cash, er singt auch Johnny Cash («Get Rhythm», «I Walk The Line», «Ring Of Fire», «Cry Cry Cry», «Folsom Prison Blues» usw.). Und Reese Witherspoon spielt nicht nur June Carter, sie singt auch June Carter («Wildwood Flower» und «Juke Box Blues», und im Duett mit Joaquin Phoenix «It Ain't Me Babe» und «Jackson).
Geht das? Geht das gut?
Es geht. Und es geht ganz gut. Ich habe den Film zwar noch nicht gesehen, der Soundtrack macht aber zum grundsätzlichen hinzu durchaus zusätzlichen Appetit darauf.
Unter anderen ist übrigens auch Shooter Jennings mit «I’m A Long Way From Home» von Hank Cochran auf dem Soundtrack vertreten.

Two Tons of Steel in Zürich

Auf Rang 7 meiner 2005-Jahres-Top-Ten steht das Album «Vegas» der Band Two Tons of Steel aus San Antonio, Texas. Am 16. und 17. März treten Two Tons of Steel in Zürich auf, und zwar am Country-Festival im Schützenhaus Albisgüetli.
Ich habe zu diesem Anlass, der sich rühmt, das «längste Country-Festival der Welt» zu sein (es dauert dieses Jahr vom 3. Februar bis zum 19. März), ein etwas zwiespältiges Verhältnis. Einerseits finden sich in dem umfangreichen Programm, in dem etwas arg viele Schweizer Nachahmer zu finden sind, immer wieder Perlen wie dieses Jahr Two Tons of Steel. (Aus dem diesjährigen Programm kann ich zudem empfehlen: BR459 am 28. Februar sowie am 1. und 2. März; Jo-El Sonnier am 8. und 9. März; und vielleicht noch Albert Lee & Hogan’s Heroes am 15. März.) Doch der Anlass ist leider weitgehend eine Art Country-Fasnacht. Man sieht da mehr Cowboy-Hüte als in einer währschaften Dance Hall in Texas, und ein Grossteil des Publikums will einfach ein bisschen feiern und tanzen und interessiert sich nicht so spezifisch für die Musik. Es war vor einigen Jahren zum Beispiel ein Graus, als Katy Moffatt, die ich live jedes Mal, wenn ich sie sehe, sensationell gut finde (was auch das letztes Jahr erschienene Livealbum sehr schön bestätigte), auf der Bühne stand und ihre Lieder sang, während im Saal besoffene Horden rumgröhlten und desinteressierte Gäste laute Gespräche führten.
Nun, Two Tons of Steel werden darauf hoffentlich mit ihrer tollen Cover-Version des Ramones-Klassikers «I Wanna Be Sedated» kontern. Allein dafür werde ich mit die Veranstaltung antun.
PS. Am 14. März treten Two Tons of Steel in Deutschland auf: Four Corners, Untermeitingen – wo immer das sein mag.

10.2.06

Im CD-Wechsler (3/2006)

**** – Cast King, «Saw Mill Man» (Locust Music)
«Saw Mill Man» ist das Debütalbum des Singer/Songwriters Cast King aus Old Sand, Alabama. Wobei anzumerken ist, dass King am 16. Februar 2006 seinen 80. Geburtstag feiert. Seine erste Band, die Alabama Pals, hatte er schon als 14-Jähriger gegründet, später spielte er Country und Bluegrass als Cast King and the Country Drifters. Ein Demotape gelangte in die Hände von Sam Phillips und er lud darauf King zu Aufnahmen im Sun Studio in Memphis ein (wo Leute wie Johnny Cash und Elvis Presley ihre ersten Platten einspielten). Acht Songs wurden eingspielt, offenbar ein Teil davon als Singles veröffentlicht (ein Aufnahme von Cast King & the Miller Sisters ist auf dem Sampler «Sun Gospel» zu finden). Als sich die Band auflöste, schrieb Cast King weiter Songs, spielte aber nur noch für Freunde und Familie.
Ende der Neunzigerjahre begann Matt Downer, ein Musiker und Country-Aficionado, in Alabama Songs alter Musiker aufzunehmen, um sie vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Von besuchten Musikern wurde er immer wieder auf Cast King hingewiesen. Als er ihn anrief, er wolle Sachen von ihm aufnehmen, wurde er von King monatelang immer wieder mit irgendwelchen Ausreden vertröstet. Bis er ihn anrief, und nichts von Aufnahmen sagte, sondern nur, er wolle mit ihm spielen. «You can come here anytime; I’m usually here if I ain’t gone somewhere», habe King gesagt. Das war im Mai 2003, und seither ist Downer immer wieder dort gewesen, Knie an Knie mit King auf der Veranda gesessen. Song um Song hat ihm King vorgespielt und vorgesungen. Mit den Monaten begann Downer auch Aufnahmen zu machen, und eine Auswahl legt er jetzt auf diesem Album vor.
Und siehe da: Das ist ein Dutzend schöne Songs, die fesgehalten zu haben wirklich ein Verdienst ist. Es sind Country-Songs über die Arbeit in der «Saw Mill», über «the search for happiness on the bottom of the bottle“, über schöne Mädchen und die grosse Liebe.

**** – Sam Baker, «Mercy» (self-released)
Call a truce, call a war / Everyone is a bastard, everyone is whore / Everyone is a saint, everyone is redeemed / Everyone is at the mercy of another one’s dream
Wir schrieben 2006, dieses Album ist noch von 2004, hat aber erst jetzt den Weg in meinen CD-Wechsler gefunden. Es ist das Debüt des Singer/Songwriters Sam Baker aus Autstin, Texas. Produziert hat diese Perle Walt Wilkins, der auch mitspielt. Baker hört sich nach einem älteren Mann an, aussehen tut er wesentlich jünger. Und er ist vor allem ein ganz starker Songwriter.
Engagiert bringt er seine Message auf den Punkt. In «Change» etwa:
Those same little girls / Went to work in those stores / Those same little boys went away to wars / But when they came home / All the jobs hat gone away / Back to those places where they fought so far away.
Begleitet wird Baker von einer Band mit Pedal-steel, Dobro, Bass, Cello, Drums, Violine, Mandoline sowie von einer ganzen Reihe von Gastsängern, darunter Jessi Colter, Kevin Welch, Joy Lynn White und Koproduzent Walt Wilkin.

***1/2 – The Dixie Bee-Liners (self-released)
Big City Bluegrass: Das Quartett mit dem Paar Brandi Hart und Buddy Woodward, das die Songs schreibt und sich im Gesang abwechselt, lebt in New York City. Brandi Hart stammt aus dem Bluegrass State Kentucky und sang schon als 2-Jährige im Kirchenchor. Woodward, der Mandoline, Gitarre, Banjo und Bass spielt, war bei der alt.country-Band The Ghost Rockets, und neben den Dixie Bee-Liners hat er auch noch die Honkytonk-Kombo Nitro Express. Zur Band gehören zudem Fiddler Alan Gruber, der auch Jazz und klassische Musik macht, und Leadgitarrist Danny Weiss, ein Bluegrass-Veteran, der auch bei Nitro Express Leadgitarrist ist.

23.1.06

Im CD-Wechsler (2/2006)

**** – Bobby Earl Smith, «Turn Row Blues» (Muleshoe)
Bobby Earl Smith ist ein Veteran der Musikszene von Austin, Texas. Anfang der 1970er Jahre war Bassist bei Freda and The Firedogs (mit der Pianistin Marcia Ball und dem Gitarristen John X. Reed), die in der damaligen Hippie-Country-Szene extrem angesagt waren und mit dem Starproduzenten Jerry Wexler (Entdecker von Aretha Franklin, Ray Charles, Professor Longhair und anderen) 1972 ein Album für Atlantic aufnahmen, das dann wegen Vertragsstreitereien aber nicht erschien (erst vor drei Jahren gab Bobby Earl Smith diese Aufnahmen auf CD heraus). Smith arbeitete bis Mitte der 1980er Jahre mit Musikern wie Jimmie Dale Gilmore und Gary P. Nunn, kehrte dann der Musikszene den Rücken und arbeitete bis vor etwa fünf Jahren nur noch als Anwalt.
Das Material, das der begnadete Singer/Songwriter jetzt veröffentlicht, wurde schon 2003 während zwei Tagen eingespielt. Bei der einen Session spielte legendäre Gitarrist James Burton (Dale Hawkins, Ricky Nelson, Elvis Presley, Buck Owens, Merle Haggard, Elvis Costello u.v.a.) Dobro, die Gitarre Casper Rawls (LeRoi Brothers). Bei der zweiten Session waren Lloyd Maines (Dobro) und John X. Reed (Gitarre) mit von der Partie. Ein schönes, typisch texanisches Singer/Songwriter-Album mit – wen wunderts, bei diesem Personal – höchst stimmiger Begleitung.

**** – Healthy White Baby (Broadmoor)
Ein schrammende Gitarre und pulsierende Beats prägen den Sound dieses Trios aus Chicago: Danny Black, für The Blacks (vocals, guitar), Laurie Stirrat, früher Blue Mountain und – mit ihrem Zwillingsbruder – Laurie & John (bass, vocals) und Rayn Juravic (drums) hatten den simplen Sound der Aufnahmen von Velvet Underground und CCR als Vorbild, als sie im Heimstudio in zwei Wochen dieses Album einspielten. Als «dirty-ass Rock`n`Roll with garage, psych and blues under currents» bezeichnet Miles of Music dieses starke Album. Der seltsame Bandname bezieht sich übrigens auf eine Zeile in «Raising Arziona», dem Lieblingsfilm von Frontmann Black.

19.1.06

Im CD-Wechsler (1/2006)

Aus Zeitmangel für einmal ein fast unkommentierter Aufwisch von Sachen, die in den letzten Monaten bei mir im CD-Wechsler steckten, es aber nie in den Blog schafften. Alles "recht", aber nichts, das herausragt:

*** – Ryan Adams & Cardinals, «Jacksonville City Nights» (Lost Highway)
Drei Alben in einem Jahr (dieses ist das zweite, zum dritten bin ich noch gar nicht gekommen) – das mag für Ryan Adams ja konzeptionell stimmen. Für den Zuhörer ist das too much. Ich hätte lieber ein Album mit den besten Sachen von den drei.

*** – Danny Barnes, «Get Myself Together» (Terminus)

*** – Kate Campbell, «Blues And Lamentations» (Large River)

*** – Brandi Carlile (Red Int/Red Ink)
Junge Singer/Songwriterin.

*** – The Kennedys, «Half A Million Miles» (Appleseed)

*** – Patty Loveless, «Dreamin’ My Dreams» (Epic)

*** – Tift Merritt, «Home Is Loud» (RCAM)
Live.

*** – Jud Newcomb, «Byzantine» (Freedom)

*** – Charlie Sexton «Cruel And Gentle Things» (Back Porch)

*** – Neil Young, «Prairie Wind» (Reprise)

31.12.05

Best of 2005: Top Ten etc.

Meine Lieblingsalben 2005:
1. Amber Digby, Music From The Honky Tonks
2. Pieta Brown, In The Cool
3. Taj Mahal, Mkutano
4. Abigail Washburn, Song Of The Traveling Daughter
5. Wayne Scott, This Weary Way
6. Joy Lynn White, One More Time
7. Two Tons of Steel, Vegas
8. Hacienda Brothers, Soul
9. Robyn Ludwick, For So Long
10. Terry Anderson and the Olympic Ass-Kickin Team (same)


Ausser Konkurrenz:
Blaze Foley, Wanted More Dead Than Alive (1988)

Knapp ausgeschieden (alphabetische Reihenfolge):
Bluerunners, Honey Slides
BoDeans, Hombrewed. Live From The Pabst
Sarah Borges, Silver City
Hayes Carll, Little Rock
Bettye LaVette, I’ve Got My Own Hell To Raise
TJ McFarland, Rosenbum’s Gin
James McMurtry, Childish Things
Mike Stinson, Last Fool At The Baar
Los Super Seven, Heard It On The X
Lucinda Williams, Live @ The Fillmore
William Elliott Withmore, Ashes To Dust
Dwight Yoakam, Blame The Vain

30.12.05

Im CD-Wechsler (Woche 52 / 2005)

**** – Terry Anderson and the Olympic Ass-Kickin Team (Doublenaught)
Southern Rock mit einem Augenzwinkern in der Tradition von Bands wie Georgia Satellites und Rainmakers. Singer/Songwriter Terry Anderson ist ein Veteran im Geschäft, sass am Schlagzeug für Don Dixon, Dan Baird, The Backsliders und viele andere. Dan Baird (ex Georgia Satellites) ist auch als Gast dabei, ebenso Eric «Roscoe» Ambel. Musik für den Highway. I like it.

**** – Van Preston, «Schizophrenic Heart» (Unconventional)
Die aus Arkansas stammende Sängerin und Songschreiberin lebt und arbeitet in Nashville. Starkes Americana-Debüt, auch mal mit rockigem Gitarren-Sound. Der Song «Bought Myself A Toy» dürfte eine Reminiszenz an ihre gescheiterte Ehe sein: I don’t need you anymore my dear, because I bought myself a toy. Ein Song, den die US-Radios gewiss nicht spielen.
(Das Album ist allenthalben – auch auf Van Prestons Website – mit dem Titel «Schizophrenic Heart» angekündigt,; auf der CD selber steht das nur als Songtitel, sonst steht da nur ihr Name drauf.)

**** – James McMurtry, «Childish Things» (Compadre)
Der brillante Songwriter aus Texas – musikalisch klingt er für mich immer wie ein ruraler Lou Reed – in Topform.

**** – Leaving, TX, «100 Miles To Sunday» (Lucky Range)
Sehr schöner Americana-Sound aus Virginia.

***1/2 – Honeybrowne, «Something To Believe In» (Compadre)
Die neue junge Americana-Kombo aus Austin, Texas. Ansprechendes Debüt.

***1/2 – The Doc Marshalls, «No Kind Of Life» (self-released)
Cajun und Country von einem Quartett aus Brooklyn NY.

***1/2 – Freddy Fender & Flaco Jimenez, «Dos Amigos» (Back Borch)
Zwei alte Freunde (und die halben Texas Tornados) singen und spielen spanischsprachige Songs von früher. Stimmungsvoll. Flacos Akkordeon gewohnt virtuos, und Baldemar Huerta (aka Freddy Fender) hat den mexikanischen Schmelz drauf wie eh und je.

*** – Billy Joe Shaver, «The Real Deal» (Compadre)
Ein ganz Grosser. Er sollte aber besser nicht selber produzieren. Das Album dümpelt etwas zu gleichförmig dahin. Nette Duette mit Nanci Griffith und Kimmie Rhodes.

**1/2 – Augie Meyers, «Alive And Well At Lake Taco» (White Boy)
Der gute alte Augie spielt mit Freunden wieder einmal die immer gleichen alten Songs ein («Hey Baby, Ke Paso» usw.). Der TexMex-Altmeister tendiert zunehmend zu Festhütten-Sound.

23.12.05

Im CD-Wechsler (Woche 51 / 2005)

**** – Mike Stinson, «Last Fool At The Bar» (Boronda)
Zwei Jahre nach seinem starken Debüt «Jack Of All Heartache» legt Mike Stinson, «the uncrowned King of the L.A. Neo-Honky Tonkers» («Hollywood Reporter») noch einen Zacken zu. Sein Album «Last Fool At The Bar» rückt den aus Virginia stammenden, jetzt in Los Angeles lebenden Singer/Songwriter (und auch Drummer für Kollegen) noch näher an einen Gram Parsons heran. Erneut mit von der Partie ist Gitarrist Tony Gilkyson (der schon bei der legendären L.A.-Punk-Band X mit Exene Cervenka und John Doe dabei war). Stinsons näselnder Gesang erinnert etwas an Bob Dylan, der ihn aber vor allem als Songschreiber beeinflusst hat. Von Stinsons Songwriting angetan zeigte sich auch Dwight Yoakam, der «The Late Great Golden State» von Stinsons Debütalbum sofort für sein Album «Population Me» (2003) aufnahm.

**** – TJ McFarland, «Rosenbum’s Gin» (Explosive)
In der gleichen Liga wie Mike Stinson spielt auch TJ McFarland, geboren in South Dakota, aufwachsen in Oklahoma und heute, nach einem Zwischenspiel in Texas, in Kalifornien lebend. Als seine wichtigsten Einflüsse nennt er selber Bob Dylan, Gram Parsons, The Doors, Dwight Yoakam und Ryan Adams. Zur Hand gegangen sind McFarland bei seinem zweiten (oder dritten?) Album Musiker aus dem Umfeld von Dwight Yoakam und Lucinda Williams wie die Gitarristen Doug Pettibone und Keith Gattis, Bassist Taras Prodaniuk, Keyboarder Skip Edwards – sowie Gitarrenlegede Waddy Wachtel. Zwischendurch gehts da auch ziemlich rockig zur Sache.

**** – North Mississippi Allstars, «Electric Blue Watermelon» (ATO)
Auf ihrem neuen Album besinnen sich die Brüder Luther (guitar, vocals) und Cody Dickinson (drums) sowie Chris Chew (bass, vocals) auf ihre musikalischen Wurzeln. Diese liegen vor allem im Blues von Figuren R.L. Burnside und Junior Kimbrough. Und im Wirken ihres Vaters Jim Dickinson (aka East Memphis Slim), der bei den frühen Alben von Ry Cooder eben so mitwirkte wie bei der Entwicklung des berühmten Memphis-Sound in den legendären Ardent-Studios. Er produzierte das Album seiner Söhne. Blues und Südstaaten-Rock ’n’ Roll bilden die Basis, auf der dann Ausflüge in alle Richtungen möglich sind, etwa zu Rap oder zum Sound der Dirty Dozen Brass Band, die zu den zahlreichen Gästen auf dem Album zählt. Ein Höhepunkt ist «Hurry Up Sunrise» als Duett von Luther Dickinson mit Lucinda Williams.
Jim Dickinson sagt zum neuen Album der Allstars:
North Mississippi Allstars make no claim to being a blues band. Something happens when white boys play the blues. Rock and Roll. Whether it's Elvis or the Beastie Boys, this music has come to symbolize freedom the world over and to illustrate the inter-racial brotherhood of man.

***1/2 – Bobby Bare, «The Moon Was Blue» (Dualtone)
Bobby Bare gehört zu meinen alten Helden. Nicht für seine frühen Hits wie «500 Miles Away From Home» aus den frühen Sechzigern, sondern wegen seinen Alben aus den 1970er-Jahren, für die ihm vor allem Shel Silverstein so manchen Song auf den Leib schrieb. Und es war vor allem Bobby Bares Interpretation von «Tecumseh Valley» auf «Diamond & Dirt» (1979), die mich erst auf Townes Van Zandt brachte. Ich hatte in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren auch mehrmals das grosse Vergnügen, Bobby Bare live zu erleben. Nach dem feucht-fröhlichen Album «Drinkin' From The Bottle, Singin' From The Heart» (1983) wurde es jedoch plötzlich still um diesen grossen Sänger und Musiker.
Inzwischen hat sein Sohn, Bobby Bare Jr., am Anfang auch noch mit Unterstützung des dann verstorbenen Shel Silverstein, eine vielversprechende Karriere gestartet. Und er ist es denn auch, der den Vater, inzwischen 70 geworden, wieder ins Studio brachte. Den energetischen Countryrock von damals im Ohr – «Too Rock For Country, Too Country For Rock And Roll», besang er selbstironisch seine damalige Situation zwischen Stuhl und Bank – irritierte das Comeback-Albums vorerst schon ein bisschen: «Are You Sincere» mit gepflegten Streichern und Bobby Bare als Country-Crooner. Ein bisschen Fifties-Easy-listening wie Pat Boones «Love Letters in The Sand» oder «It’s All In The Game» von Tommy Edwards. Der mit Abstand «modernste» Song ist «The Ballad Of Lucy Jordan» (geschrieben übrigens vom late great Shel Silverstein). Es brauchte ein paar Durchgänge, um mich mit dem «neuen» Bobby Bare anzufreunden. Aber je mehr ich das Album hörte, um so mehr wuchs es mir ans Herz. Und ich hoffe, das war nicht das letzte dieses Meisters.

15.12.05

Im CD-Wechsler (Woche 50 / 2005)

**** – Joy Lynn White, «One More Time» (Thortch)
Mit ihren exzellenten Alben «Between Midnight & Hindsight» (1992) und «Wild Love» (1994) für Columbia zu Beginn der Neunzigerjahre sah Joy Lynn White aus wie ein kommender Star. Aber offenbar sagten die Verkaufszahlen etwas anderes, die Plattenfirma liess White fallen. Wohl war ihr zum Verhängnis geworden, was Bobby Bare schon zehn Jahre davor besungen hatte: «Too Rock For Country, Too Country For Rock And Roll». 1997 folgte dann auf Pete Andersons Label Little Dog das nicht minder exzellente Album «Lucky Few». Auf ihrem offiziell vierten Album (effektiv gab sie selber 2002 noch eine CD mit Demoaufnahmen von 1997 bis 2002, «On Her Own», heraus) beweist sie sich erneut sowohl als ausgezeichnete Songschreiberin wie auch als tolle Sängerin. Das klingt mal mehr nach Country, mal mehr nach Rock, aber immer ganz stark. Gut, dass sie auch das schon auf dem Demo-Album veröffentliche, wunderschöne «Girls With Apartments In Nashville», das sie zusammen mit Duane Jarvis geschrieben hat, noch einmal aufnahm:
Girls with apartments in Nashville
They drive beat up old cars
Ride around with their guitar
In the back seat
They have their dreams
They have their dreams

**** – The Peasall Sisters, «Home To You» (Dualtone)
Bei singenden Kindern bin ich prinzipiell skeptisch. Bei den Peasall Sisters – Sarah (18), Hannah (14) und Leah (12) – war ich jedoch schon 2002 vom Debüt «First Offering» angetan. Mit dem zweiten Album «Home To You» legen die drei Schwestern mit den schönen Stimmen jetzt noch zu. Die Peasall Sisters stehen mit ihren Songs, ihrem Sound, ihrem Gesangsstil klar in der Tradition der legendären Carter Family. Das unterstreicht auch die Person des Produzenten: John Carter Cash, der Sohn von June Carter und Johnny Cash. Neben einigen Traditionals und dem Carter-Family-Song «I Will Never Marry» präsentieren die Mädels aus White House, Tennessee, erstmals auch drei selber geschriebene Titel. Geht man davon aus, dass sie sich mit dem Älterwerden auch musikalisch noch weiter entwickeln, kann da in Zukunft noch viel Erfreuliches auf uns zu kommen.

***1/2 – Gasmoney, «22 Dollars» (self-released)
Gasmoney, ein Trio um Songschreiber, Sänger und Gitarrist Fred Stucky, kommt aus Philadelphia. Die drei Jungs bringen eine bekömmliche Mischung aus Country und Rock ’n’ Roll, die live zweifellos selbst bei den Hängern an der Bar ein Fusswippen auslöst. Irgendwo wurden sie als Mischung aus Hank Williams und Rollings Stones bezeichnet, anderswo wurde ihr Sound mit «als würden die Sex Pistols Country-Songs singen» beschrieben. Beides ist vielleicht etwas gar vermessen, aber auf jeden Fall kann das Trio ganz schön rau zur Sache gehen. Die Aufnahmen, die auf desem Album versammelt sind, entstanden von 2002 bis 2004

*** – Merle Haggard, «Chicago Wind» (Capitol)
The Hag ist zurück auf einem major label. Klar, der Veteran ist sowohl als Songwriter wie als Performer ein sicherer Wert. Das neue Album ist sehr solid, aber viel mehr leider auch nicht.

*** – Bear & The Essentials, «Two Time Fool» (self-released)
Stimmungsvoller Rockabilly der traditionalistischen Art aus Austin, Texas. Billy Horton produzierte das Debüt von Bear (vocals, rhythm guitar), Ethan Shaw (upright bass) und Doug Strahan (lead guitar). Kurz – elf Songs, eigene und ein paar Klassiker in knapp 25 Minuten – und kurzweilig.

*** – Black Water Gospel (Fat Caddy)
Guter Roots-Rock aus Austin, Texas. Produziert und instrumental angereichert (Hammond B3, Wurlitzer, Accordion, Melodica) von Michael Ramos. Auf die Länge wirken die zehn Songs etwas all zu gleichförmig, was das Album je länger es läuft langweiliger macht. Aber ich denke, es lohnt sich zu verfolgen, wie sich Sänger/Gitarrist Juan Gutierrez, Leadgitarrist Jesse Duke, Bassist Dan White und Drummer Andy Morris weiter entwickeln.

9.12.05

Im CD-Wechsler (Woche 49 / 2005)

**** – Freakwater, «Thinking Of You...» (Thrill Jockey)
Catherine Irwin und Janet Bean gehören zu den Pionieren der alt.country-Bewegung – ihr erstes Album machten sie 1993. Nach sechs Alben hörte man nun sechs Jahre «nur» Soloprojekte der beiden Frauen, jetzt endlich wieder ein Freakwater-Album. Und dieses ist so gut, wie die zuvor waren. Schleppende Melancholie. Zuweilen schrammelnde Gitarren. Eindringlicher Harmoniegesang. Freakwater schreiben zwar ganz starke Songs, aber selbst wenn sie das Telefonbuch vorsingen würden, könnten sie Hühnerhaut erzeugen. Das war bei Debüt so, und das ist immer noch so.

**** – V.A., «Lowe Profile. A Tribute To Nick Lowe» (2 CDs; Brewery)
«Lowe Profile» ist ein hübscher Titel für diesen starken Nick-Lowe-Tribute aus der kalifornischen Alternative-Country-Szene. Produziert hat das Ding Walter Clevenger (Walter Clevenger & The Diary Kings), der mit seiner Band auch viele der Aufnahmen begleitet. Das vielseitige Album variiert mit Songs aus allen Phasen von Lowes Schaffen – von Brinsley Schwarz über Rockpile zu den Soloprojekten – von sanftem Country bis zu rauem Rock. Und macht einem damit immer wieder bewusst, was für ein grossartiger Songwriter Nick Lowe doch ist und was für einen grossen Beitrag zur Popgeschichte er (schon bisher) geieistet hat. Und ich bekomme wieder mal bestätigt, dass Lowe zu recht weit oben steht auf der relativ kurzen Liste meiner Lieblingsbriten (auf der z.B. – ich liebe Listen – auch stehen: Ronnie Lane [†], Ian McLagan, Ray Davies, Dave Edmunds, Brendan Croker, Joe Strummer [†], Jon Langford, Elvis Costello).
Track Listing:
LEFT SIDE
1. Eric Ambel - 12 Step Program (To Quit You Babe)
2. Ian Gomm - Cruel To Be Kind
3. Foster & Lloyd - Without Love
4. Dave Alvin - Failed Christian
5. Don Dixon - True Love Travels On A Gravel Road
6. Steve Allen - (I Love The Sound Of) Breaking Glass
7. Walter Clevenger & The Dairy Kings - There's A Cloud In My Heart
8. Michael Carpenter - (What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding?
9. Terry Anderson & The Olympic Ass Kickin Team - You Got The Look I Like
10. Bryan Shaddix - Couldn't Love You (Anymore Than I Do)
11. Rick Shea & Christy McWilson - Never Been In Love
12. Tipsy Jack - Marie Provost
13. Chris Gaffney - Crying In My Sleep
14. Rex Holmes & We Monster - Homewrecker
15. Steve Wynn - Truth Drug
RIGHT SIDE
1. Ron Flynt & The Blue Hearts - I Knew The Bride (When She Used To Rock & Roll)
2. Jamie Hoover - American Squirm
3. Eugene Edwards - The Ugly Things
4. Greg Trooper - What's Shaking On The Hill
5. sparkle*jets uk - When I Write The Book
6. James Intveld - Lonesome Reverie
7. Tiffany Anastasia Lowe - Heart
8. Duane Jarvis - Cupid Must Be Angry
9. Robbie Rist - Love So Fine
10. Kim Shattuck - You Make Me
11. The Lowe Beats - Don't Want The Night To End
12. Monkey Bowl - Let's Eat
13. The Brilliant Mistakes - Everyone
14. The Glimmer Stars - Rollers Show
15. The 'lectric Chairs - Heart Of The City

***1/2 – Junior Brown, «The Austin Experience» (Telarc)
Den famosen Junior Brown muss man eigentlich live gesehen haben, um zu wissen, was dieser absolute Ausnahmegitarrist kann. Denn wer ihn nur hört, kann das Gefühl haben, da würden sich ein E-Gitarrist und ein Steel-Gitarrist um den Lead duellieren. Dabei macht Junior Brown das alles selber mit seinem Eigenbau, der Elektro- und Steel-Gitarre vereint. «Guit-Steel®» nennt er dieses Teil (Bild). Es erinnert ein bisschen an das Ding, dass der älteren Musikfreunden vielleicht noch bekannte John McLaughling (im helvetischen Volksmund gerne als Mäcklöchli bezeichnet) jeweils umgehängt hatte, aber Gitarrenwixer von diesem Schlag können Brown das Wasser nicht reichen. Die Live-CD mit einer Aufnahme aus dem Continental Club in Austin, Texas in seiner üblichen Trioformation (mit Gattin Tanya Rae Brown an der akustischen Rhythmusgitarre und Johnny Penner am Bass; bei einem Song ergänzt durch den Akkordeonisten Flaco Jimenez) gibt auch eine schöne Demonstration seiner Virtuosität. Natürlich bringt er da all seine Heuler wie «Broke Down South Of Dallas», «Party Lights», «My Wife Thinks You’re Dead», «Highway Patrol» usw.

*** – Rosie Flores, «Christmasville» (Durango Rose)
Alljährlich erlaube ich mir eine Weihnachtsplatte. Diesmal fiel mir die Wahl leicht. Denn die texanische Country- und Rockabilly-Sängerin, -Songwriterin und -Gitarristin Rosie Flores ist ein alter Liebling von mir, und ich kaufe alles, was sie herausgibt. Neben ein paar Klassikern wie «Little Saint Nick» von den Beach Boys, «Run Run Rudolph», berühmt gemacht von Chuck Berry, und «Happy Christmas (War Is Over)» von John Lennon und Yoko Ono serviert Rosie auch einige eigene Songs –und den bitteren Blues «My Christmas Tree Is Hung With Tears» von Kollegin Sarah Brown.

** – Curt Kirkwood, «Snow» (Little Dog)
Debüt von Curt Kirkwood (ex Meat Puppets) als Solo-Singer/Songwriter, produziert & arrangiert & mit diversen Saiteninstrumenten begleitet von Pete Anderson (Dwight Yoakam, Michelle Shocked). Ungewohnt farblos und langweilig für eine Anderson-Produktion.

1.12.05

Im CD-Wechsler (Woche 48 / 2005)

**** – Diesel Doug & The Long Haul Truckers, «Mistakes Were Made (A Retrospective 1995–2005)» (Cornmeal)
Diesel Doug & The Long Truckers ist eine Countryrockband aus Portland, Maine, deren Namen ich zwar schon ab und zu irgendwo gelesen hatte, ihre Musik hatte ich indes nie gehört. Der hübsche Songtitel «If I’d Shot Her When I Met Her (I’d Be Outta Jail By Now)» hat mich nun bewogen, ihr 10-Jahr-Jubiläums-Album zu kaufen mit Aufnahmen von zwei Alben der Band von 1997 und 1999 sowie ein paar Tracks von «Area Code 207»-Compilations (207 ist die Telefonvorwahl von Portland, Maine, und seit einigen Jahren gibt Long-Haul-Gitarrist Charlie Gaylord Compilations mit Material von Musikern aus der Region unter dem Titel «Greetings from Area Code 207» heraus). Die von Sänger und Songschreiber Scott Link (aka Diesel Doug) gegründete Band spielt eine sehr muntere Mischung aus Country und Rock.
Im CD-Inlay schildert Link sehr anschaulich die Geschichte der Band:
In 1986 I heard Steve Earle’s album Guitar Town and it all fell into place. I was twenty one, had already dropped out of art school and was ready to drop out of liberal art school. And no I had a reason why. I was a songwriter. It didn’t matter that I had never written a song before or that I didn’t know how to play an instrument, I just knew that that was what I wanted to be. I grabbed my dad’s old Gibson B-25 and started learning chords. In 1994 I met Haakon Kallweit and hatched the idea for The Long Haul Truckers. After the typical shuffling of players, Charlie Gaylord came on board to play guitar, John Davison was on drums and Scott Conley joined soon after to play bass and the line up was in place.
Now it’s been ten years. Seems impossible. Ten years of bars, clubs, the occasional arena, glass ceilings, Wild Turkey, four dollar ASCAP checks, Geary’s Pale Ale, no sound checks, tiny stages, blown monitors, Gritty’s beer for free, rooms with 50 people in them who couldn’t give a shit, and rooms with 5 people in them having a great time. There were great shows like Lucky Ron’s in Ottawa where we opened for a modern rock band, an utter mismatch and we absolutely tore the roof off the place. There was our first CD release party at Raoul’s, where it was so packed I couldn’t get to the bar before the set. Ted’s Wrecking Yard in Toronto, Toad in Cambridge, The Free Street Taverna, Gritty’s and Silly’s here at home in Portland, Dottie’s in Atlanta on Halloween, The True Brothers down in Greensboro NC come to mind as great places for us. There were awful shows too like the Monday night in Birmingham, Alabama when exactly zero people showed up. We played the set anyway, that’s an awfully long way to go to not play.
All of these shows added to the ebb and flow of the changing local, regional and national Americana music scene. I think we got as far as double A in the minor leagues of alt-country music. But there was one glimpse of the show. It was in July 1999 opening for Willie Nelson at the Bangor Auditorium. Ah yes, the Willie show. I still have the bottle of Cuervo from our dressing room that they gave us. There were four or five thousand people in the hall and we walked on to a blackened stage to thunderous noise (they thought we were Willie, I guess). I got chills. I could’ve gotten used to that.
I used to think that it was that one show which made it all worthwhile. I thought that for a long time, but I was wrong. What made putting up with all the crap you have to put up with to do this, is that ten years later I think of all the stuff and it makes me smile an sometimes laugh, and ten years later I still see the same faces in the audience. I know who all of you are who come out to listen to these songs.
Thank you everyone.

**** – Marti Brom «Sings Heartache Numbers» (Goofin’)
Die profilierte texanische Rockabilly-Sängerin Marti Brom hat für einmal ein Album mit klassischen Country- und Honkytonk-Songs zusammengestellt. Ich muss die Titel aufzählen, denn die 13 Songs enthalten die Zahlen von 1 bis 13:
1 Way Ticket To The Blues
Alone At A Table For 2
3 Hearts Later
4 Walls
5 Fingers To Spare
Whisky 6 Years
7 Lonely Days
8 Weeks In A Barroom
Apartment #9
10 Minutes Till Heartaches
A-11
The 12th Of Never
13 Steps Away
So weit so originell – aber das alles ist auch sehr schön und stimmungsvoll. Dass das Album ähnlich klingt wie meine Lieblingsplatte dieses Jahres – Amber Digby, «Music From The Honky Tonks» (*****), – liegt einerseits an einer verwandten Songauswahl, anderseits aber auch an den Begleitmusikern, die im wesentlichen dieselben sind: Fiddler Bobby Flores, Gitarrist/Bassist Justin Trevino, Pianistin Debra Hurd, Leadgitarrist Levi Mullen, Steel-Gitarrist Dickie Overbey und andere.

Und in Kürze:
***1/2 – Miss Leslie & Her Juke-Jointers, «Honky Tonk Revival» (Zero Label)
Echte, im besten Sinne altmodische Honkytonk-Stimmung verbreitet auch Leslie Lindsey aus Houston, Texas. Mit ihrer Band spielt Miss Leslie Countrysongs in klassischem Stil mit einem Hauch von Rockabilly. Der Soundtrack für eine lange Nacht in einer alten Bar irgendwo in Texas. In «Honky Tonk No More» singt sie: «Now a dollar plays a song I wouldn’t give a nickle for, no the jukebox in the corner don’t play honky tonk no more.»

***1/2 – High Or Hellwater, «Legends & Hall of Famers» (self-released)
Das dritte Abum dieser Band um Songwriter und Gitarrist Matt Reasor (Gesang: Dan Coakley), die eben von Los Angeles nach Nashville zog bringt frische, respektlose Songs zwischen Country und Roots-Rock.

***1/2 – Black Rebel Motorcycle Club, «Howl» (RCA)
Die ersten beiden BRMC-Alben habe ich nicht gehört. Wieder so eine Rock-Revival-Band, dachte ich und hörte weiter lieber die Originale. Nachdem meine Dealer das dritte Album aber sehr loben mochten, riskierte ich es. Und bereue es nicht. Die vielseitigen und stimmungsvollen, sehr bluesigen und oft akustischen Americana-Klänge machen mir Spass. Aber offenbar habe ich nicht all zu viel verpasst, lese ich doch da irgendwo im Internet: «You may have heard the Black Rebel Motorcycle Club before, but you’ve never heard them like this. Seriously.» Da scheine ich ja genau im richtigen Moment eingestiegen zu sein. ;-)

*** – Susan Gibson, «Outer Space» (self-released)
Die texanische Songschreiberin und Sängerin Susan Gibson ist einem breiteren Publikum kaum bekannt. Aber sie hatte schon einen Millionenhit: «Wide Open Spaces» stammt aus ihrer Feder, die Dixie Chicks haben den Song zum Hit gemacht. Gibson spielte früher Countryfolk mit einer Band namens The Groobies aus Amarillo, Texas. «Outer Space», der Titel nimmt offensichtlich Bezug auf ihren Hit, ist nun ihr zweites Soloalbum. Und da drauf ist, wie gehabt, unspektakulärer Countryfolk.